Frankfurt am Main, im Dezember

Zwei Polizisten schritten ein. Die Tanzrhythmen, die zu mitternächtlicher Stunde aus dem vierten Stock eines Wohnhauses in eine stille Gasse der Frankfurter Innenstadt hineinhämmerten, schienen ihnen des Guten denn doch zuviel. Da oben, unterm Dach, gab der Bundesvorstand des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) eine Party für seine Gäste vom Zentralrat der (kommunistischen) Freien Deutschen Jugend (FDJ).

Abgesehen von diesem Zwischenfall kümmerte sich die Obrigkeit nicht um ein Ereignis, das vor einem Jahr noch Verfassungsschützer und Überfallkommandos alarmiert hätte: Zum erstenmal durften Jugendfunktionäre aus der DDR öffentlich in Hörsälen der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität die außenpolitischen Thesen „unseres Genossen Walter Ulbricht“ verkünden. Was der Zentralrat der FDJ noch im Sommer – nach dem Scheitern des Redneraustausches zwischen SPD und SED – dem Verein Deutscher Studentenschaften (VDS), dem Sozialdemokratischen Hochschulbund (SHB) und anderen Studentengruppen verweigert hatte, weil jene nicht im vornhinein die Zwei-Staaten-Theorie akzeptieren wollten, das gewährte er nun großzügig dem linken Außenseiter SDS: ein gesamtdeutsches Seminar über „Konzeptionen, Wege, Möglichkeiten einer Deutschlandpolitik“.

Bemüht hatte sich der SDS um dieses „wissenschaftliche Gespräch“ schon 1964, als der SPD-Pressedienst derlei Eskapaden noch als „gefährliche Wege“ verdammte. Doch im Frühjahr 1965 ließ SDS-Vorsitzender Schauer das vereinbarte Seminar über wirtschaftliche Mitbestimmung platzen, weil sich die FDJ nicht den (üblichen) Bedingungen des Gastgebers unterwerfen wollte und hinter dem Rücken des SDS konspiriert hatte. Schauers Nachfolger Reiche, noch unerfahren im Umgang mit hartgesottenen Jungkommunisten und allzu begierig, ein leuchtendes Beispiel gesamtdeutscher Verständigung zu demonstrieren, war konzilianter. Auf Wunsch der FDJ strich er sogar die vorgesehene öffentliche Diskussion aus dem Programm, zur Empörung der vielen Studenten, die den Gästen mit Fragen nach der Mauer und anderen Eigenarten des Ulbricht-Staates zusetzen wollten.

Man sollte meinen, unter marxistischen „Genossen“, die sich „Freunde“ nennen, könne es über den künftigen deutschen Weg doch kaum Differenzen geben. Weit gefehlt: Während die FDJ die allbekannten Thesen von der „Normalisierung“ in Mitteleuropa herleierte, sträubten sich ihre Gesprächspartner mit Händen und Füßen gegen eben diese Entspannung, sofern sie „auf dem Rücken des vietnamesischen Volkes“ vor sich gehen solle. Nicht Konföderation, sondern Konfrontation (zwischen Kommunismus und Kapitalismus) heiße das Gebot der Stunde, und an der FDJ sei es, gefälligst dafür zu sorgen, daß der sozialistische Modellstaat DDR endlich auch für westdeutsche Arbeiter attraktiv werde.

Doch die Funktionäre von drüben ließen sich nicht verlocken. Verfängliche Fragen nach Biermann und Havemann wurden vom Tisch gefegt: „Das ist bei uns ausdiskutiert!“ Punkt, basta! Als sich jemand wunderte, warum die FDJ-Vertreter nicht den geringsten Zweifel an ihrer Konzeption zuließen, erwiderte Dr. Peter Thal aus Halle erregt: „Sie müßten mir erst klipp und klar beweisen, daß meine Überzeugung von der wachsenden Kriegsgefahr in Mitteleuropa falsch ist. Sie müßten mich dahin bringen, daß ich nachdenklich werde!“

Allen Ernstes glaubten auch seine Kollegen aus Ostberlin und Leipzig, daß die Bundesrepublik nur deswegen die DDR nicht anerkenne, damit sie eines schönen Tages eine völkerrechtliche Handhabe für eine „Polizeiaktion“ besitze. Da auch viele SDSler immerzu der Bundesrepublik Aggressionsabsichten unterstellten, klang es den Gästen aus der DDR recht ungewöhnlich in den Ohren, als die sympathisch realistische Ursula Schmiederer aus Marburg zu bedenken gab, der neue Außenminister Brandt sei doch „nicht der schlechteste Mann“, und Wehners Föderationspläne böten doch auch Möglichkeiten für eine mehr entspannte Politik.