Von Ben Witter

Unsereins muß alles beim Namen nennen, sagte Erna zu einem Gast der für Kämmen nicht zahlen wollte, und stellte ihren Fuß zwischen die Tür. Vor fünfundvierzig Jahren hatte man sie "Rehbein" genannt. Und was ich noch wußte: Sie trägt stets ein dreiviertellanges Korselett, das bis zum Magenansatz reicht. In den letzten vier Jahren erneuerte sie viermal ihre Möbelgarnitur.

Ihr erster Mann war adlig; sie traf ihn nach der Scheidung zufällig in der "Großen Freiheit" wieder, wo sie Kartoffelpuffer backte. Er bestellte drei "ganz heiße" vom Rost und trank eine Tasse Kaffee dazu. Aber sie ging trotzdem nicht zu ihm zurück und fragte ihn nur: "Vielleicht hättest du lieber etwas anderes gegessen?" Der zweite Mann überstand die Folgen seiner Verwundung nicht. Auf dem Friedhof fielen ihr die Worte einer Angestellten des Arbeitsamtes ein, als sie in der Pulverfabrik krank wurde: "Sie machen Pulver, damit ihr Mann schießen kann." Ihr Pflegesohn ist inzwischen dreißig und fährt zur See. Trifft man die beiden, wenn Erna gerade vom Friseur kommt, dann denkt jeder, das ist ihr Mann...

Ich beobachtete Erna, wie sie Kaffeewasser aufsetzte. Der schmale Tisch im Vorraum bot Platz genug für den Kessel mit dem Tauchsieder; in einem Schrank rechts davon hatte sie Seife, Lippenstifte, Parfüm, Tempo-Taschentücher, Hautcreme, Blutstiller und Damenstrümpfe. An den Kacheln hingen, auf der Rückseite mit durchsichtigen Klebestreifen verbundene farbige Ansichtskarten. Handtücher stapelten sich auf dem Heizkörper. Erna erzählte: "Ich habe ein feines Ohr für das Fallen von Geldstücken auf meine Untertasse und vermag ohne hinzusehen am Klang der Münzen zu unterscheiden, wieviel die Gäste geben. Ich sehe aber trotzdem hin. Mit Männern habe ich kaum Schwierigkeiten. Einer schlief kürzlich ein. Ich sagte mir, wer weiß, was ihm fehlt. Schließlich klopfte ich an die Tür, er kam sofort zu sich und meinte, seine Mutter klopfe meist auch zweimal leise und dreimal laut... Damen gegenüber bin ich skeptischer, ihnen blicke ich in die Augen, und sie spüren, das ist eine, die Bescheid weiß... Mein Ton ist dem Charakter dieses Schnellküchenbetriebes angepaßt. Seit sechs Jahren bin ich hier Unterpächterin und bediene fast ausschließlich Laufkundschaft. In einer Bar müßte ich mich auf die Eigenarten des Publikums einstellen. Solch ein Typ bin ich aber nicht, oder würden Sie mich etwa ‚München‘ nennen? Nebenher lerne ich Blumenbinden."

Erna sprach leise, wie getupft. Plötzlich mit hoher Stimme: "Sobald das Geschäft rückläufig wird, gehe ich stillschweigend."

Ich mußte an Ziska denken, Toilettenfrau in einer Striptease-Bar. Ziska war sogar Mitglied des Vereins "Sicher wie Gold" gewesen. Ich hätte es damals herunterschlucken sollen, daß der Verein hauptsächlich aus Kellnern, Musikern und Toilettenfrauen besteht, und sagte deshalb beim Bezahlen: "Im gewissen Sinne ist es ein Artistenklub, geht man die vielen Jahre zurück." 1891 wurde er Ecke Spielbudenplatz und Taubenstraße gegründet.

Die Idee wurde beim Skat geboren. Vier Artisten saßen beisammen, als einer rief: "Mein Blatt ist sicher wie Gold." Das hörten vier hinzukommende Artisten, und dann erklärten alle acht: "Gibt es einen besseren Namen?" Bis 1914 bildeten sich Sektionen des Klubs in ganz Deutschland, in der Schweiz, in New York und in Chikago. Erst 1916 durften Damen dem Klub beitreten und wurden "Goldschwestern" genannt. 1947 fand er Ecke Hexenberg und Hochstraße eine neue Heimstatt.