Kurz hintereinander erschienen in der ZEIT zwei Aufsätze – „Berufsarmee statt Wehrpflicht?“ von Kurt Becker und „Die Bürgerarmee der Schweiz – ein Vorbild für uns?“ von Urs Schwarz –, die sich mit der Frage befassen: „Haben wir eigentlich die richtige Bundeswehr?“ Kurt Becker wie Urs Schwarz stellen die Frage, ob angesichts der Bedrohung einerseits, der Entwicklung der NATO und der Entspannungspolitik andererseits unsere bisherige Wehrkonzeption noch den Forderungen der Zeit entspricht oder ob nicht vielmehr „tiefgreifende Reformen“ notwendig sind.

Beide Verfasser kommen zu dem Schluß, daß eine Trennung der deutschen Streitkräfte in ein gepanzertes und mechanisiertes Berufsheer von großer Beweglichkeit und Schlagkraft sowie in eine Territorial- oder Bereitschaftsarmee auf der Grundlage der Wehrpflicht die für die Zukunft zweckmäßige Lösung sei.

Urs Schwarz schildert in seinem Aufsatz in eindrucksvoller Weise Wesen und Vorteile der Schweizer Armee und stellt sie für die, auch uns empfohlene, „Bereitschaftsarmee“ als Vorbild vor. Seine Darstellung ist überzeugend, und ich stimme ihr in vielen Punkten zu. Allerdings bestreite ich seine Behauptung, „daß die Berufsmilitärs der Miliz- und Bürgerarmee mit einem tiefen Mißtrauen begegnen und ihr Wesen überhaupt nicht kennen“.

Ich selbst glaube, das Wesen gerade der Schweizer Armee gut zu kennen, und dasselbe gilt für viele höhere Offiziere der deutschen Bundeswehr. Wir sind seit langem der Auffassung, daß das schweizerische Wehrsystem die für einen freiheitlichen demokratischen Rechts- und Verfassungsstaat geradezu ideale Form der Landesverteidigung ist. Für dieses System müssen aber einige Voraussetzungen gegeben sein, ohne die es, zum mindesten in seiner Spezifisch schweizerischen Ausprägung, von anderen Nationen nicht ohne weiteres übernommen werden kann.

Auch einer zweiten Feststellung möchte ich widersprechen: „Nur müßte man den Widerstand der Berufsoffiziere überwinden, die vor der Vorstellung zurückschrecken, daß Laien einen Teil der von ihnen wahrgenommenen Aufgaben mit Erfolg übernehmen.“ Wir deutschen Offiziere kennen die Leistungen unserer Reserveoffiziere in zwei großen Kriegen, in denen sie bald eine große Zahl der Stellen bis zum Bataillonskommandeur und auch darüber sowie viele wichtige Stellen in den Stäben einschließlich von Generalstabsoffizierstellen besetzten, zu gut, als daß wir uns eine derart antiquierte Auffassung zu eigen machen würden.

Wenn wir nicht ohne weiteres einem Wehrsystem wie dem schweizerischen als auch für unsere Verhältnisse passend zustimmen können, so aus folgenden Gründen:

1. Die Bundesrepublik ist Mitglied eines Verteidigungsbündnisses. Sie hat sich zu einem militärischen Beitrag zu diesem Bündnis in einer bestimmten Höhe verpflichtet (für die Landstreitkräfte 12 jederzeit einsatzbereite, voll bewegliche, modern ausgerüstete Divisionen). Eine Änderung dieses Beitrags ist nur möglich mit Einverständnis aller Bündnispartner. Diese Änderung setzte eine Einigung über eine neue strategische Konzeption voraus.