Wolfsburg, im Dezember

Der Schock kam am Vorabend des dritten Advent. „Da mit einer nachhaltigen Besserung der Wirtschaftslage in nächster Zeit nicht gerechnet werden kann“, so lasen es die VW-Arbeiter am Freitag am Schwarzen Brett, müsse die Produktion gedrosselt und Kurzarbeit eingeführt werden.

Doch als am Samstagabend die Wolfsburger Geschäftsleute die Kasse zählten, schien der Schock schon überwunden. Die Kasse „stimmte“. Und als am Montag Professor Heinrich Nordhoff, der Generaldirektor der Volkswagenwerke AG, vor die Belegschaft trat, empfing ihn der gleiche Applaus wie seit fünfzehn Jahren. Ohne Murren hörten die Arbeiter, daß im nächsten Vierteljahr an 17 Arbeitstagen nicht gearbeitet wird.

Die Ankündigung kam für sie nicht so überraschend wie für die Öffentlichkeit. Sie wußten, daß nicht jeder VW einen Käufer fand und daß sich bei den Händlern die Lager füllten, bis sich – wie es heißt – die Inlandsproduktion von vier Wochen staute. Sie hatten. auch längst bemerkt, daß sich die Reihen an den Werkbänken und Fließbändern seit Wochen lichteten. Wo jemand ausscheidet, freiwillig oder durch Pensionierung, tritt kein Neuer an seine Stelle. Um 800 Arbeitskräfte verringert sich monatlich die Belegschaft des Volkswagenwerks, um etwa zweidrittel Prozent also.

Der Knick in der Erfolgskurve des Werks lag im April. Im März hatte das Unternehmen in der Bundesrepublik noch so viele Autos verkauft wie nie zuvor in einem Monat: 65 193 Stück. Doch in den folgenden Monaten ging es bergab; die Vorjahrszahlen wurden nicht wieder erreicht. Im Oktober wurden schließlich über 25 Prozent weniger als 1965 abgesetzt.

Vor der Betriebsversammlung erklärte Nordhoff: „Ich rechne damit, daß bis dahin (bis zum Frühjahr) die Maßnahmen der Regierung zum Tragen gekommen sind und daß damit eine Konjunkturwende in Gang gebracht ist.“ Und er sprach von dem „nahezu vollständigen Vertrauensverlust“ in der Bevölkerung. „Wir haben nicht schwarzgemalt, um die Panik nicht noch größer zu machen. Wir haben nicht die Krise an die Wand gemalt. Wir haben gehofft, daß man doch zur Einsicht kommen würde. Jetzt bleibt keine andere Wahl als die, die Produktion zu drosseln.“

Nordhoff kann auch Erfolge vorweisen. Der VW-Export hat das Werk praktisch gerettet. In den ersten neun Monaten des Jahres konnten fast 100 000 Wagen mehr als 1965 im Ausland abgesetzt werden; allein in den USA wurden mehr Autos verkauft als in der Bundesrepublik, fast 310 000 Stück. Die oft gescholtene Export-Abhängigkeit erwies sich als ein Segen.