F. R., Mönchengladbach

An der Kreuzung Regentenstraße und Blücherstraße in Mönchengladbach krachte es. Die 32jährige Gerichtsreferendarin, Frau Dr. Christa Dormanns, hatte die Vorfahrt nicht beachtet und einen anderen Wagen auf die Hörner genommen. Zwei Personen wurden bei dem Unfall verletzt. Gegenüber den Polizisten bestritt die Gerichtsreferendarin jeglichen Alkoholgenuß. Doch sie hatte Pech. Einer der Beamten roch und bemerkte eine „Fahne“. Die Blutprobe ergab 2,01 Promille.

Vor dem Mönchengladbacher Amtsgericht ging der Fall Dormanns in die erste Runde. Dort erinnerte sich die Referendarin, daß sie wegen einer Erkrankung und Schlaflosigkeit in den frühen Morgenstunden des Unfalltages „von zwei Uhr an eine unbestimmte Menge unverdünnten Whiskys“ getrunken habe. Im Laufe des Tages habe sie dann nur noch einen Magenbitter zu sich genommen. „Weil das Essen nicht schmeckte.“ Gegen 18 Uhr passierte der Unfall. Aber dann überraschte Frau Dr. Dormanns das Gericht mit der sensationellen Behauptung: „Sie werden es mir zwar nicht glauben: Ich kann trinken, soviel ich will. Ich werde aber nicht betrunken und zeige auch keine Ausfallerscheinungen.“

Der Mönchengladbacher Amtsrichter glaubte nicht und holte sich den persischen Privatdozenten Dr. Arbab-Zadeh vom Gerichtsmedizinischen Institut in Düsseldorf als Gutachter. Arbab lud Frau Dr. Dormanns zu einer „Belastungsprobe“ in sein Institut. Zwei Ärzte nahmen sich der trinkfesten Juristin an. Sie konnte das Testgetränk – auf eigene Rechnung – selbst wählen. „Holen Sie bitte eine Flasche Sherry“, entschied Gerichtsreferendarin Dormanns. Innerhalb von fünfzehn Minuten hatte die offenbar an ausgiebigen Alkoholgenuß gewöhnte Referendarin eine halbe Flasche Sherry konsumiert. Gutachter Arbab-Zadeh: „Wir machten anschließend elf Blutproben. Zwar stellten wir 2,2 Promille fest, aber bis auf ein schon vorher diagnostiziertes leichtes Augenzittern hatte Frau Dr. Dormanns keine Ausfallerscheinungen.“

Der langjährige Gerichtsmediziner führt diese abnorme Reaktion seiner Testperson auf eine Erkrankung der Nebenniere zurück. Bei 100 000 Blutprobenuntersuchungen in mehr als zehn Jahlen will Dr. Arbab bereits drei ähnliche Fälle von außergewöhnlicher Alkohol-Toleranz festgestellt haben. In Fachkreisen sind diese medizinischen Feststellungen freilich umstritten. Ob die Reaktionsfähigkeit von Frau Dormanns auch am Unfalltag ungeschmälert war, läßt Dr. Arbab offen: „Meine Feststellungen beziehen sich nur auf das Versuchsmilieu.“

Auch der Mönchengladbacher Amtsrichter folgte den verläßlicheren Spuren des Bundesgerichtshofs, der bisher bei 1,5 Promille Fahruntüchtigkeit als erwiesen ansah, und verurteilte die Angeklagte „wegen fahrlässiger Straßenverkehrsgefährdung durch Trunkenheit in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung“ zu vier Wochen Gefängnis ohne Bewährung und Führerscheinentzug für drei Monate.

Das wollte die Mönchengladbacher Referendarin nicht auf sich sitzen lassen. Sie legte Revision beim Oberlandesgericht Düsseldorf ein. Die Düsseldorfer Richter gaben der Revision statt. Sie waren der Meinung, das Amtsgericht habe nicht ausreichend geprüft, ob sich Frau Dormanns ihrer außerordentlich hohen Alkohol-Toleranz schon vor dem Unfall bewußt gewesen sei.