Als ich auf dem „John-F.-Kennedy“-Flughafen in New York amerikanischen Boden betrat, fragte mich ein Beamter: „Are you armed?“ Und schon bei dieser Frage wurde ich mit einem gewichtigen Problem der amerikanischen Polizei konfrontiert. Ich war nicht bewaffnet. Wäre ich es gewesen, hätte es kein Staunen erregt. Es entspricht einer gewissen amerikanischen Mentalität, eine Waffe bei sich zu führen. Anders als in Deutschland, ist es auch sehr leicht, Schußwaffen und Munition zu erwerben. Das bereitet der amerikanischen Polizei erhebliche und wachsende Sorgen, zumal da eine verschärfte Waffengesetzgebung von den Parlamentariern abgelehnt wird. Ein hoher Polizeibeamter meinte mir gegenüber nicht ohne Resignation: „Es fehlt nur noch, daß man Pistolen auch in Selbstbedienungsläden und Supermarkets kaufen kann.“

Für die deutsche Polizei besteht kein so schwieriges Schußwaffenproblem. Doch es gibt andere, die hier wie dort sehr ähnlich sind; und auf meiner Studienreise from coast to coast habe ich oft genug feststellen können, daß in den Vereinigten Staaten wie in der Bundesrepublik die Polizei „auch nur mit Wasser kocht“. Drüben wie hier stehen der steigenden Kriminalität, besonders der Wohlstandskriminalität mit den vielen Diebstahlsdelikten, zunehmende Personalsorgen der Polizei gegenüber. Freilich hat die Arbeit der Polizei in Amerika weit größere Dimensionen. Die drei umfassenden Probleme der amerikanischen Polizei sind:

  • Die Bekämpfung des Rauschgifthandels und des Rauschgiftmißbrauchs.
  • Die Bekämpfung bandenmäßig begangener Delikte.
  • Die Negerfrage.

Es ist für einen deutschen Polizeibeamten fast unfaßbar, welche Rolle das Rauschgift in Amerika spielt. Durch Erschließung eines neuen Verbrauchermarktes, vornehmlich bei Jugendlichen, hat der Rauschgifthandel einen großen Aufschwung genommen. Das „LSD“, das sogar von Laien hergestellt werden kann, hat bei der Jugend nahezu ideologische Bedeutung. Außerdem blüht der Handel mit Heroin und Marihuana-Zigaretten. Die geschätzte Zahl der jugendlichen Rauschgiftverbraucher schwankt zwischen einer und fünf Millionen. Die kaum vorstellbare Rauschgiftsucht steht in engem Zusammenhang mit der Zunahme schwerer Raubdelikte. Die Narcotic Racketts‚ die Banden, die das Rauschgift vertreiben, erzielen sehr hohe Gewinne. Ein Kilo zu Heroin umgewandeltes Opium kostet 6000 Dollar; die Händler erzielen bei den „Endverbrauchern“ dafür 20 000 Dollar.

Die bandenmäßigen Straftaten außerhalb des Rauschgifthandels, meist Fälle von Schwerstkriminalität, sind vor allem ein Problem der Großstädte. In der Negerfrage schließlich stellen, neben einzelnen Straftaten, Aufruhr und Landfriedensbruch die Polizei vor schwierige Aufgaben. Die Neger sind in weit höherem Maße kriminell, als ihrem Anteil an der Bevölkerung, etwa 10,5 Prozent, entspricht. An den Morden sind sie zu 55 Prozent beteiligt. Hoch ist auch ihr Anteil an der grassierenden Rauschgiftsucht.

In einer Zeit steigender Kriminalität hat für meine Begriffe vor allem die Polizei in Chikago Vorbildliches geleistet. Chikago, Schmelztiegel für viele Einwanderer, Schauplatz vieler sozialkritischer Romane, galt einmal als die kriminellste Stadt der Welt. Ihre Polizei war schlecht. Man konnte ihr mannigfaltige Verbindungen zur Unterwelt nachsagen. Es gab trübe Polizeiskandale.

Die Chikagoer Stadtväter haben dann sehr energisch, eingegriffen. Bürgermeister Richard J. Daley berief 1960 einen beinahe schon legendär gewordenen Mann als Superintendenten an die Spitze der städtischen Polizei, den ehemaligen Professor für Kriminologie Orlando W. Wilson. Er forderte alleinige Entscheidungsfreiheit in Personalangelegenheiten und den Bau eines modernen Polizeipräsidiums. Beides wurde ihm gewährt. Die Chikagoer haben es nicht zu bereuen brauchen.