Von Kai Hermann

Berlin, im Dezember

Der Kongreß buchstabierte. Es ging um „D...D...R“ oder „S...B...Z“. Zu Bruch zu gehen drohte dabei die Einheit derer, die dem Willen zur deutschen Einheit viele Jahre das organisatorische Ruhekissen gegeben haben: Das Kuratorium „Unteilbares Deutschland“, gutes nationales Gewissen seit 1954, blieb auf seiner Berliner Jahrestagung nicht bei den „Macht-das-Tor-auf“-Parolen und dem Symbol der stacheldrahtumwirkten Kerzen. Sein geschäftsführender Vorsitzender Wolfgang Wilhelm Schütz stellte statt dessen zur Diskussion, ob man das Staatsgebilde jenseits der Elbe nicht bei seinem sozialistischen Namen nennen sollte: DDR (und dies sogar ohne Anführungszeichen).

Doch der Kongreß tat sich schwer beim Buchstabieren. Das vertraute und weniger vertrauliche „SBZ“ (Sowjetisch besetzte Zone) ging manchem unter den Kuratoren nun einmal leichter über die Lippen. Und beim Schlußwort fand dann selbst W. W. Schütz nicht mehr den Mut, die Zungenspitze tabu-brechend zweimal zu den oberen und einmal zu den unteren Vorderzähnen zu führen: DDR.

Im Kreise der mehr als tausend Delegierten in der Kongreßhalle hatte alles wie eh und je begonnen. Johann Baptist Gradl sagte „ohne jedes Pathos“ den „Männern im Kreml“: „Deutsches Holz ist nicht weicher als russisches.“ Den Kleinmütigen rief der eben gestürzte gesamtdeutsche Minister den ersten Satz des deutschen Glaubensbekenntnisses zu: „Wir sind und wir bleiben ein einziges deutsches Volk.“ So entfaltete sich über dem Kongreß wieder die Parole, nach der das Kuratorium angetreten ist: „Wer nicht an Wunder glaubt, der ist kein Realist.“

Franz Amrehn ergänzte seinen Freund Gradl: „Keiner Macht der Welt wird es gelingen, das Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen im ganzen Deutschland zu stören. Keiner Macht der Welt wird es gelingen, aus den Deutschen zwei Staatsvölker zu machen.“ Dieser Glaube sollte auch für die Große Koalition die Legitimation geben. Denn: „Die stärksten Verbündeten der neuen Bundesregierung werden die Bewohner der Zone selbst sein. Vor allem die dortige junge Generation.“

Und doch: Daß der pure Glaube Mauern versetzen werde, das wollten in Berlin längst nicht mehr alle glauben. Die Häretiker saßen schon am Vorstandstisch.