Seit dem Wintersemester 1964/65 wird an der Universität Tübingen eine für Deutschland neue Art der medizinischen Ausbildung praktiziert. Als „Tübinger Modell“ ist sie inzwischen bekannt geworden und hat bereits manchen Studenten verlockt, sich in Tübingen in der ärztlichen Kunst unterweisen zu lassen. Vorbild ist das amerikanische bedside-training: Die Studenten werden bereits in den ersten klinischen Semestern an das Krankenbett herangelassen. Um zu sehen, was sie dort treiben, durften sich vor kurzem einige Journalisten in weiße Mäntel hüllen und bei ein paar Unterrichtsstunden zuhören.

Bisher sah der Medizinstudent, aus seiner vorklinischen Zeit bereits daran gewöhnt, vor allem theoretisch unterrichtet zu werden, Kranke fast ausschließlich in den großen Vorlesungen. Dort demonstriert der Ordinarius „interessante Fälle“ oder auch „normale“ Krankheitsbilder; manchmal ruft er aus der Schar der Hörer einige nach vorn, die, je nach Veranlagung sich verlegen windend oder sich abgebrüht und kenntnisreich gebärdend, die Krankheit näher besehen oder gar kommentieren dürfen. Solange bei diesen Demonstrationen nicht mehr als hundert zuhören, kommt etwas dabei heraus; aber fast alle Ordinarien sind sich darüber einig: Mehr sind von Übel. Normalerweise sind es aber mehr – an den großen klinischen Vorlesungen nehmen durchweg zwei- bis vierhundert Hörer teil.

Auch in den klinischen Visiten, die an manchen Universitäten für höhere Semester durchgeführt werden, kann sich der junge Mediziner stets hinter vielen anderen verstecken: Voran der Chef, dichtauf gefolgt von seinen Oberärzten und Assistenten, dahinter ein Pulk von Studenten – das Ganze gruppiert sich um ein Bett, es wird doziert.

Die Bestallungsordnung der Ärzte schreibt schließlich dem Studenten die Teilnahme an Übungen vor, in denen er die notwendigen Fertigkeiten wie Abtasten, Abhorchen oder Ausspiegeln erlernt. Wie groß der Effekt dieser Praktika ist, wenn gleichzeitig achtzig Studenten sich die Kunst des Abhorchens der Lunge aneignen wollen, läßt sich leicht erraten.

Die Folgen solcher Ausbildung sieht man dann in den Prüfungen: „In die Sprechstunde kommt eine Mutter mit ihrem Kind, das dauernd müde ist und immerzu Durst hat. Was machen Sie?“ Betretenes Schweigen. Fragt der Professor aber den Kandidaten: „Können Sie mir den Diabetes schildern?“, dann schnurrt es nur so aus dem jungen Adepten der Medizin heraus.

Die Ausbildung zum Arzt ist bei uns „wissenschaftlich und theoretisch“ ausgerichtet; der praktische Teil kommt erst nach dem Staatsexamen dran, die Universität hat darauf kaum noch einen Einfluß; Prüfungen werden über diesen Zeitraum auch nicht mehr abgenommen. Selbst wenn sich annehmen läßt, daß der junge Arzt theoretisch alles weiß: beginnt, er als Medizinalassistent in einer Klinik oder einem Krankenhaus und steht zum erstenmal allein und sehr nahe einem Kranken gegenüber, dann kommt die Frage, wie man denn überhaupt miteinander reden soll.

Ärztliches Studium ist nun einmal nicht nur die Ansammlung von Kenntnissen; es gehört dazu auch, die richtigen Fragen zu wissen und sie an der richtigen Stelle anzubringen, und es gehört dazu ein gutes Maß an Bescheidenheit: „Der Student muß merken, daß er nichts kann. Und das merkt er nur am Patienten.“