Die neuen Belastungen für die Kraftfahrer durch Mineralölsteuer-Erhöhung, erhöhte Versicherungstarife und Kürzung der Kilometerpauschale werden heftig diskutiert. In Nr. 42 der ZEIT hat Kurt Simon auf die Gefahren für die Automobilindustrie hingewiesen. Einen extrem anderen Standpunkt nimmt ein Leser ein, dessen Zuschrift wir nachstehend veröffentlichen.

Den Ziegen sagt man nach, durch ihren Appetit am Untergang der antiken Mittelmeerkulturen schuld (zumindest, mitschuldig) gewesen zu sein. Indem sie den Pflanzen wuchs der Berghänge vernichteten und der Erosion des Bodens freien Lauf gaben, richteten sie unermeßliche Schäden an, die in keinem Verhältnis zu ihrem eigenen Nutzen standen.

Wird man unseren Autos eines Tages ähnliches nachsagen müssen? Auch sie verursachen Folgekosten und -verluste, die in den landläufigen Kosten-Nutzen-Rechnungen nicht berücksichtigt werden. Der Bodenerosion durch Ziegen entsprechen bei den Autos die Kosten der steigenden Beanspruchung von Polizei und Verwaltung, die viel höheren ökonomischen Verluste durch die Toten und Verletzten des Straßenverkehrs, die schleichende Schädigung der Gesundheit durch giftige Abgase, Staub, Lärm und infarktfördernde Bewegungsarmut, schließlich auch die Behinderung des Verkehrs durch sich selbst infolge sogenannten „schädlichen“ Verkehrs (dem Berufsverkehr mit privaten Autos im Gegensatz zum notwendigen Wirtschaftsverkehr).

Ein Nationalökonom der Harvard-Universität, Prof. K. William Kapp, bezeichnet die „rein wirtschaftliche“ Betrachtungsweise, die solche außerwirtschaftliche Zusammenhänge aus Unkenntnis oder theoretischem Prinzip nicht in Rechnung stellt, als „ptolemäische“ Wissenschaft;

In der „Zeit“ Nr. 42 hat Kurt Simon eine solche ptolemäische Betrachtung vorgelegt. Sie hält sich weitgehend an die Darstellungen der recht einflußreichen Interessenverbände, die seit Jahren lautstark gegen den angeblich unberechtigten öffentlichen Griff in die Tasche des Autofahrers protestieren. Doch selbst schon die „rein wirtschaftliche“ Rechnung dieser Verbände ist so einseitig, daß man sich nicht des Eindrucks erwehren kann, hier werde Interessenpolitik mit falschen Karten gespielt.

Eine solche falsche Karte ist die isolierte Betrachtung des Bundeshaushaltes. Sicher gibt der Bund nur um 50 Prozent, in diesem Jahr statt zugesagter 50 Prozent wahrscheinlich nur 46 Prozent der Mineralölsteuereinnahmen für den Straßenbau aus. Dafür gaben die Länder und vor allem die Städte und Gemeinden in jedem der letzten Jahre weit höhere Beträge für das Straßenwesen aus, als ihnen die Kraftfahrzeugsteuer bzw. Überweisungen aus diesen einbrachten.

Der Öffentlichkeit ist dies allerdings niemals bewußt geworden. Die Finanzzuweisungen zwischen den verschiedenen Gebietskörperschaften haben die unterschiedlichen Belastungen zum Teil ausgeglichen. Auch eine stärkere Verlagerung des Defizits von einem öffentlichen Haushalt auf den anderen, etwa durch die im Gutachten der Finanzsachverständigen vorgeschlagene Beteiligung der Gemeinden an der Mineralölsteuer und Kraftfahrzeugsteuer, würden jedoch an der Tatsache, daß mehr Geld in den Verkehr hinein- als Steuern aus ihm herausfließen, nichts ändern.