Köln

Der Kölner Klingelpütz-Prozeß dauert an. Die menschenunwürdigen Zustände im Gefängnislazarett, die während der vergangenen zehn Verhandlungstage zur Sprache kamen, erregten unter den Zuhörern im Gerichtssaal Ekel und Entsetzen. Kranke Untersuchungshäftlinge, bei denen eine Geistes- oder Gemütskrankheit vermutet werden mußte, wurden von den Pflegern und Kalfaktoren geschlagen, getreten und mißhandelt. Zwei Häftlinge fanden dabei den Tod.

Mitten in Köln, in der Nachbarschaft des Priesterseminars und der Kardinalswohnung, herrschten Zustände wie in einem KZ. Es kann nicht mehr geleugnet werden. Desto merkwürdiger berührt die Reaktion der Kölner auf diesen Skandal. Anders als im Hamburger Glocke-Fall, der eine allgemeine Empörung nicht nur unter den Verantwortlichen, sondern auch unter den Bürgern hervorrief, wird über den Klingelpütz-Skandal in der Domstadt kaum gesprochen. Köln schweigt. Als kürzlich das Richtfest für den Neubau des Klingelpütz gefeiert wurde, wurden Festansprachen gehalten, die mit keinem Wort auf den Prozeß eingingen. Die offiziellen Vertreter der Stadt verweisen auf die Zuständigkeit des Landes. "Der Kölner Rat hat nichts damit zu tun", heißt es. Soweit das die Kompetenzen betrifft, mag das stimmen, die Frage nach der Moral ist damit aber noch nicht beantwortet. "Wir fragen deshalb sechs bekannte Kölner Bürger nach ihrer Meinung oder Deutung: Warum schweigt Köln?

Peter Doebel

Gerichtsberichterstatter des Kölner Stadt-Anzeigers:

  • "Ich glaube schon, daß die Leute informiert sind. Aber weil der Prozeß so breit ist und sich nicht nur auf einen einzelnen Häftling bezieht, wirkt das ganze nicht so spitz. Um sich besonders zu engagieren, dazu reicht wohl das Temperament der Kölner nicht aus. Die kölsche Mentalität ist etwas ruhiger. Daß im Klingelpütz auch Häftlinge gestorben sind, ist wohl manchen nicht ganz klar. Denn diese Anklage bezieht sich nicht auf die Tötung, sondern nur auf die Schläge. Die Kölner sagen sich in diesem Falle eher: ‚Ach, den Jung‘ haben sie geärgert, da müssen sie auch mal einen Klaps kriegen.‘ Da spielt auch das Verhältnis der Kölner zu ihrem Gefängnis und ihrer Unterwelt eine Rolle. Sie sind eher bereit, sich über das Milieu zu amüsieren und darin auch eine gewisse Komik zu sehen, als sich über Recht oder Unrecht Gedanken zu machen. Möglicherweise haben die Hamburger einen ausgeprägten Sinn für Korrektheit."

Werner Reinhold