Berlin

Der Berliner Weihnachtsmarkt hatte früher einmal seine Tradition. Gewiß: Mit dem Christkindlmarkt in Nürnberg hat er es wohl nie ganz aufnehmen können – der war schon immer hübscher; aber das vorweihnachtliche Vergnügen im Lustgarten war eben auch etwas. Nun ist das Vergnügen geteilt, die Tradition wurde halbiert, und der Weihnachtsmärkte gibt es zwei in Berlin. Der eine findet im Saale statt, der andere – zum größten Teil jedenfalls – unter freiem Himmel. Der eine liegt zu Füßen des Funkturms, der andere genau vis-à-vis von einem ehemaligen Monument, gegenüber dem abmontierten Stalin, am Straußberger Platz. Während „drüben“ der Eintritt frei ist, muß der Besucher hüben eine Mark fünfzig (Kinder 50 Pfennig) für eine Karte bezahlen.

Vor den Messehallen am westlichen Funkturm steht ein Weihnachtsmann im knöchellangenroten Mantel in der Kälte herum und sieht von weitem eher aus wie ein frierender Badegast in Westerland. Ab und zu rufen ein paar Kinder „kiek mal, der Weihnachtsmann“, und der ruft zurück „hallo, Kinder“. – Drinnen gibt es eine Christbaum-Konkurrenz, und per Stimmzettel kann man sagen, welcher der nach verschiedenen Landesbräuchen geschmückten Nadelbäume der schönste sei. Das „Vergnügen“ ist hier nicht sonderlich groß geschrieben.

Ein Teil des Marktes – der kleinste – ist für Kinder hergerichtet: Pappmaché und Farbe, Ponyritt, Rutschbahn und Karussell, eine hermetisch verglaste Kinderbackstube.

Jenseits des Kinder-Kitsches wird es ziemlich furchtbar, denn da gibt es – mit wenigen Ausnahmen – Ramsch soweit das Auge reicht. Küchengeräte (zu „Ausstellungspreisen“), den geschmackvollen Heimspringbrunnen mit Beleuchtungseffekt, Textilien aller Arten und Scheußlichkeitsgrade, mit Kinderspielzeug, das man keinem Kind zumuten sollte. Dann und wann eine Los-Bude, dann und wann einen Stand mit Weihnachtsgebäck. Ein Fräulein aus Costa Rica bietet den Kaffee ihres Landes feil, eine Germanin vertritt lustlos japanische Glitzerblusen, und Dietmar Doktor, der Initiator des Kreuzberger Bildermarktes versucht seine letzten Kunstwerke zu verkaufen. Alles sehr weihnachtlich. Und das Schlimmste: Es ist muffig warm und riecht kein bißchen nach gebrannten Mandeln und Tannenzweigen, sondern nur penetrant nach Ausstellungshalle. Trotzdem: Die Leute strömen.

Genau wie im anderen Teil der Stadt – nur strömt es dort anders: Der Prozentsatz von verwegen aussehenden Jugendlichen, das beatblökende Kofferradio lässig im Arm, und Uniformierten – teils mit Sprechfunkgeräten ausgerüstet – ist groß. Auf dem Ostberliner Weihnachtsmarkt am Straußberger Platz gibt es nur wenig zu kaufen, und wo es etwas gibt, da steien lange Schlangen. Es gibt Currywurst, kandierte Äpfel und Kartoffelpuffer. Das „Moskauer Eis“ ist weniger beliebt, hier wartet niemand.

In der Sporthalle, die in den Weihnachtsmarkt einbezogen ist, stellt größtenteils die HO ihre Waren aus. Außerdem gibt es dort eine hübsche „Bistelstraße“ für Kinder und den Vietnam-Basar, an dem Bücher, Schallplatten und Graphiken verkauft werden. Der Erlös ist für „das kämpfende vietnamesische Volk“ bestimmt.