Man muß die Stadt im Sommer kennen, um sie im Winter besonders liebenswert zu finden, und man muß mit einer allgemeinen Liebeserklärung beginnen, um dieses Land ein wenig verstehen zu können innerhalb seiner eigenen Kategorien: Ich liebe Portugal.

Will man nicht im ästhetisch-touristischen Bereich verharren, gerät man automatisch in den politischen: Der Staat greift hier auf sehr drastische Weise ins öffentliche und private Leben ein, seit Professor Salazar vor nunmehr vierzig Jahren seine Idee in die Tat umzusetzen begann, Staat und Volk zu einer Einheit zu verschmelzen.

Man weist immer wieder darauf hin, daß es, insbesondere aus akademischen Kreisen, Opposition, fast eine Art Widerstand gibt. Aber in der Regel wissen die Oppositionellen präzise nur das anzugeben, was sie abgeschafft haben wollen.

Gleichwohl sieht das Regime Ursache, die Opposition ernst zu nehmen. Unlängst baten 118 Akademiker, Journalisten und Schriftsteller in einem Brief den Staatspräsidenten, Professor Salazar zu entlassen (laut Verfassung hat der Präsident dazu das Recht). Das gut durchdachte, maßvolle Schreiben enthielt den Vorschlag, als Übergang eine Militärregierung einzusetzen – eine für Portugal denkbare Lösung. Antwort erfolgte nicht, es sei denn, man betrachtete die polizeilichen Ermittlungen gegen einige der Unterzeichner als Antwort.

Die portugiesische Gegenwartsliteratur ist schwer zu beurteilen: Mit Pessoa – er starb 1935 – haben wir ohne Zweifel einen Lyriker von Weltrang. Derzeit werden seine theoretischen Schriften ediert.

Bei Rowohlt erscheint demnächst ein Roman von Rüben A., der zur literarischen Spitzenklasse gehört. Zu nennen wären noch die Schriftsteller M. Torga, A. Ribeiro, F. de Castro.

Es läßt sich glauben, daß es einige wichtige und gute Werke gibt, die nicht gedruckt werden. Zwar gibt es keine Vorzensur, aber wenn man hört, daß vor wenigen Tagen der Verlag Minotauros durch Gerichtsurteil geschlossen wurde, weil er ein dem Regime unangenehmes Buch ediert hatte, so versteht man die Vorsicht der Verleger bei der Auswahl ihrer Texte.