Nie zuvor ist es den Deutschen materiell so, gut gegangen wie in den Weihnachtstagen des Jahres 1966. Es wird mehr verdient, mehr ausgegeben, besser gelebt als je zuvor – Heinz-Günter Kemmer berichtet nebenstehend, daß entgegen manchen pessimistischen Prognosen das Geschäft noch immer auf vollen Touren läuft.

Und dennoch: Den Arbeitnehmer mit der prallgefüllten Lohntüte bewegen heute ähnliche Sorgen wie den Unternehmer, der seine Gewinne schmelzen sieht und Kredite nur zu exotisch anmutenden Zinssätzen erhalten kann. In Vorstandssitzungen wie am Stammtisch wird die gleiche Frage gestellt: „Wie geht es 1967 weiter?“

Als Karl Schiller im Mai, damals noch Sprecher der Opposition, in der großen Wirtschaftsdebatte des Bundestages erklärte, das Wachstum unserer Wirtschaft sei gefährdet, wurde er von den Ministern der Regierung Erhard der Schwarzmalerei bezichtigt. Heute erweist sich jeden Tag aufs neue, wie berechtigt Warnungen und Kritik in den letzten Monaten gewesen sind. Kurzarbeit erst bei VW und dann bei den Zulieferbetrieben, sinkende Produktion, sinkender Auftragseingang, Überschuldung bei einigen, steigende Verluste bei vielen Unternehmen – die Jahre hindurch gewohnten Rekordmeldungen haben längst Seltenheitswert.

Die Krankheit aber, an der die deutsche Wirtschaft leidet, ist durchaus heilbar. Niemand wird bestreiten können, daß die letzte Regierung die Bundesrepublik in wirtschaftliche Stagnation und ein auch für Experten kaum noch durchschaubares Chaos in den Bundesfinanzen hat hineinschlittern lassen. Aber Konjunkturflaute und Finanzkrise sind schließlich nicht die ganze Hinterlassenschaft Ludwig Erhards.

Immer Bundesregierung der noch ist die drittgrößte Industriestaat und die zweitwichtigste Handelsnation, immer noch ist die D-Mark eine in aller Welt anerkannte harte Währung, immer noch ist die deutsche Wirtschaft kräftig genug, im internationalen Konjunkturkampf zu bestehen. Alles was wir brauchen ist nach einem Jahr der Untätigkeit nun ein Jahr bewußter wirtschaftspolitischer Führung.

Wenn Strauß und Schiller ausführen, was Bundeskanzler Kiesinger als Regierungsprogramm verkündet hat – die von den Sachverständigen empfohlene „kontrollierte Expansion“ –, dann wird es zwar 1967 noch harte Wochen geben, aber doch bald wieder aufwärts gehen. Das Programm ist überzeugend: Die Bundesbank soll die Kreditbremsen lockern, der Bund nötigenfalls 2,5 Milliarden über einen besonderen Investitionshaushalt ausgeben, um die Wirtschaft wieder auf Touren zu bringen. Strauß soll durch strenge Sparmaßnahmen den Haushalt 1967 ausgleichen und so garantieren, daß der Kapitalmarkt ausschließlich zur Finanzierung wachstumsfördernder privater und öffentlicher Investitionen zur Verfügung steht. Schiller soll durch präzise Lohnleitlinien dafür sorgen, daß eine neue Expansion nicht wieder in eine inflationäre Überhitzung ausartet.

Schon wenn die Vertrauenskrise überwunden wird, wenn von Bonn wieder Optimismus ausstrahlt, wäre viel gewonnen: Unternehmer wie Arbeitnehmer werden eine „magere Zeit“ leicht durchstehen können, wenn der nächste Aufschwung schon sichtbar ist. Das Vertrauen in die Wirtschaftspolitik wird freilich nur wiederhergestellt werden, wenn die Regierung sich diesmal nicht mit schönen Worten begnügt, sondern rasch Taten folgen läßt.

Diether Stolze