Eine „exakte Entwicklungsgeschichte der Sieben Weltwunder nach dem neuesten Stand der wissenschaftlichen Forschung“ verspricht uns der Klappentext eines gewichtigen Gabentisch-Buchs in Ganzleinen mit Goldprägung, von dessen Umschlag uns, Qualität und seriöses Vergnügen verheißend, ein unbestechliches Horus-Auge beschwört. Unter dem Mäntelchen wissenschaftlichen Hintergründigkeit bietet uns der Verlag mit

Artur Müller / Rolf Ammon: „Die sieben Weltwunder“ – 5000 Jahre Kultur und Geschichte der Antike; Scherz Verlag, München; 336 S., zahlr. Abb., 98,– DM

einen Scherzartikel, einen schlechten Scherz zudem, wenn wir die mißglückte Wahl des Themas und der Autoren mit einem runden Hunderter honorieren sollen.

Das beginnt, um bei dem mir besonders vertrauten Beispiel Ägypten zu bleiben, das repräsentativ für die sechs folgenden Wunderlichkeiten stehen kann, bei der äußeren Form: Das Grab des Menes in Abydos wird uns ebenso im Kopfstand vorgeführt wie die Große Halle der Cheopspyramide; nicht nur auf Seite 57 sind fünf von acht Bildunterschriften fehlerhaft oder nachgerade falsch, sondern allenthalben wird Ungeheuerliches geboten Da erfahren wir, daß – nach dem neuesten Stand wissenschaftlicher Forschung natürlich das alte Reich Ägyptens (etwa 2700 bis 2150 v. Chr.) „an die tausend Jahre“ bestanden habe; eine der Abusîr-Pyramiden verwandelt sich unter Müllers Feder zum Sonnenheiligtum, und ein durchaus mannbarer Gabenträger wird zur „Frau, die einen gefüllten Korb auf dem Kopf trägt“.

Der Text zeichnet währenddessen in schwarzweißen Klecksen ein Bild von „Hörigen und Armen“, die „ohne Inschriften und Skulpturen, des Fortlebens nicht teilhaftig, zusammengekrümmt in ihren Gräbern hocken“. Jeder linientreue DDR-Historiker hätte seine Freude an dieser geglückten Schilderung des ersten Sklavenhalterstaates der Welt, wie jenseits der Gesinnungsgrenze das alte Ägypten genannt wird.

Der Totentempel der Chephrenpyramide, heute ein dem Erdboden gleiches Felsplateau, ersteht aus Müllers Feder und Ammons Kamera als ein säulengeschmückter Prachtbau. Die Autoren verstehen sich aber auf andere Künste in gleichem Maße und bescheren uns endlich das, worauf die viel zitierte Wissenschaft schon lange gewartet hat: nicht nur eine Statue des in bildlichen Darstellungen erst fast zweitausend Jahre nach seinem Tod bekannten Imhotep, des Architekten des Königs Djoser (Müller schreibt Zoser und beweist damit seine Kenntnis der englischen Fachliteratur), wird uns als zeitgenössisches Werk vermittelt, sondern eine leibhaftige Statuette des Cheops aus strahlendem Hartgestein blickt uns aus Ammons Bildern an, des Cheops, der uns neben seiner monumentalen Pyramide kein einziges Bildnis seiner selbst hinterlassen hat, das die Zehn-Zentimeter-Grenze überschritte.

Erholen wir uns bei der Mitteilung, daß auch im alten Ägypten „die Frauen arbeiten und träumen von Liebe und Glück, die Mütter gebären, die Kinder turnen und tollen, die Mädchen spielen und tanzen“ – und das, o loses Volk, „nicht nur aus rituellem Anlaß“. Unerhört. Welche Beruhigung dann zu erfahren, daß wenigstens die Männer nicht dem Luderleben frönen, sondern „Hunde und Affen züchten... und die Beute stolz nach Hause tragen“.