Das gewöhnliche Leben ist ein Mittelzustand aus allen uns möglichen Verbrechen.

Robert Musil

Alte Neuigkeit

Die Presse der westlichen Welt, von der Neuen Zürcher Zeitung zur New York Times vom Hamburger Abendblatt zur Sunday Times, vom Bayern-Kurier zur Frankfurt Rundschau, berichtete in den letzten Tagen teilweise mit großer Ausführlichkeit von einer Neuigkeit in Sachen der beiden im Februar dieses Jahres zu Zwangsarbeit verurteilten sowjetrussischen Schriftsteller Abram Terz (Sinjawskij) und Nikolaj Arshak (Danielj): Über sechzig sowjetische Autoren, Angehörige des Schriftstellerverbandes der UdSSR, unter ihnen Ilja Ehrenburg, Kornej L.Tschukowskij, Viktor Schklowskij, Bella Achmadulina und Bulat Okudshawa, hätten im März in einem Brief an den 23. Parteitag der KPcSU und das Präsidium des Obersten Sowjets gegen die Verurteilung von Terz und Arshak Protest (Die Welt: „schärfsten“ Protest) eingelegt – das Dokument sei niemals veröffentlicht worden, in der Sowjetunion nur heimlich zirkuliert und erst jetzt, mit acht Monaten Verspätung, auf obskuren Wegen in den Westen gelangt, nämlich zur polnischen Exilzeitschrift Kultura, zu dem New Yorker Verlag Harper & Row und zu der in Frankfurt ansässigen russischen Emigrantenzeitschrift Grani. So neu allerdings, wie die Zeitungen alle meinten, ist die Nachricht von diesem Brief nicht. Zusammen mit einem von mehr als hundert Hochschullehrern unterschriebenen Protestbrief druckte die ZEIT das Schreiben der sowjetischen Schriftsteller in vollem Wortlaut und mit der Liste der Unterzeichner bereits am 27. Mai dieses Jahres. Und völlig abwegig sind die Überlegungen, die der Bayern-Kurier über den Zeitpunkt der Veröffentlichungen im Westen anstellte: Er vermutete, „der Kreml“ selber habe die Briefe jetzt in den Westen „lanciert“, um so die bevorstehende Begnadigung der beiden Verurteilten anzukündigen. Davon kann leider die Rede nicht sein: Die ZEIT erhielt die Dokumente damals keineswegs vom Kreml, sondern aus dem Kreis eben jener Schriftsteller, die sich für Terz und Arshak eingesetzt hatten und ihren Protest wenigstens im Westen bekanntgemacht wissen wollten, da er in der Sowjetunion selbst totgeschwiegen wurde; und nichts deutet darauf hin, daß Terz und Arshak demnächst freigelassen werden – trotz aller Proteste, trotz des 404seitigen Weißbuches, das der Schriftsteller Alexander Ginsburg über den Fall angelegt und persönlich im Büro von Staatspräsident Nikolaj Podgorny abgegeben hat und das in Kürze auch im Westen veröffentlicht werden soll.

Nobelboykott

Am 11. Dezember, dem 70. Todestag Alfred Nobels, wurden in Stockholm vom schwedischen König Gustav Adolf die Nobelpreise 1966 überreicht. Im Mittelpunkt des festlichen Ereignisses standen die beiden Literaturpreisträger: der Israeli Joseph Agnon und Nelly Sachs, seit 1940 eine Bürgerin Schwedens. „Diese beiden hervorragenden jüdischen Autoren stellen, jeder für sich, die Botschaft Israels in unserer Zeit dar“, sagte Anders Österling, der Literaturkritiker und Sekretär der Akademie in seiner Laudatio. Das schienen, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen, auch die diplomatischen Vertreter der arabischen Staaten zu finden: Sie boykottierten die Überreichungsfeier.