Von Gottfried Sello

Will man im Hotel telephonieren, bringen sie einem automatisch die Liste mit den Nummern der diversen Ministerien. Unvorstellbar, daß jemand nicht mit irgendeinem Vorzimmerzerberus sprechen will. Auf dem orangefarbenen Faltblatt mit den Bonner Sehenswürdigkeiten steht das Bundeshaus an der Spitze, es folgt Beethovens Geburtshaus und das Ernst-Moritz-Arndt-Haus (Wohn- und Sterbehaus des Bonner Professors, Dichters, Politikers – so war die Reihenfolge im alten Bonn: Wissenschaft, Dichtung, Politik), dann Schumanns Sterbehaus (mit sonn- und feiertags geöffnetem Gedenkzimmer), dann der Alte Friedhof und dann erst die Museen und Kunstsammlungen. Wie soll Kunst in Bonn gedeihen, wenn die Künstler nicht einmal wie alle besseren Stände einen Lobbyisten am Ort unterhalten.

Die Städtischen Kunstsammlungen in der Rathausgasse, berichtet Museumsdirektor Eberhard Marx (der, bevor er nach Bonn ging, das Haus am Waldsee in Berlin-Zehlendorf leitete), werden von der politischen Prominenz selten, mehr von ihren Damen frequentiert. Frau Lübke und weiland Frau Erhard seien hier ein- und ausgegangen, und man solle nicht meinen, Bonn sei Provinz. Die Ausstellungen werden gut besucht. Eberhard Marx hat einmal in Berlin und später in BonnRohlfs ausgestellt, in Berlin wurden 3500, in Bonn 3200 Besucher gezählt. In Berlin, das kann jeder Galerist bestätigen, sind die Sammler rar, während in Bonn und Umgebung moderne Kunst passioniert und weit überm landesüblichen Soll gesammelt wird, worüber eine Austeilung „Kunst des 20. Jahrhunderts aus Privatbesitz in Bonn und Umgebung“ die Öffentlichkeit orientierte.

Die Städtischen Sammlungen dagegen verfolgen weniger weitgespannte Ziele. Sie wollen nicht, wie das die meisten Museen dieser Größenordnung versuchen, ein Panorama der zeitgenössischen Kunst bieten, das sie doch nur unzulänglich herstellen können. Es werden Schwerpunkte gebildet, natürliche, regionale Schwerpunkte. Bonn besitzt die schönste und zweitgrößte Macke-Kollektion, elf Bilder wurden zwischen 1949 und 1965 erworben, nur München hat im Lenbach-Haus, wo „Der Blaue Reiter“ zentriert ist, zwei Bilder mehr. Macke hat in Bonn gelebt, um ihn gruppieren sich die rheinischen Expressionisten, seine Freunde Nauen, Campendonck, Mense, Max Ernst (der 1911 und 1912 in Bonn Philosophie studiert und Kunstkritiken geschrieben und daneben rheinisch expressiv gemalt hat).

Wer immer noch fragt, ob hier was und was hier los ist, soll ins Stockwerk über Macke steigen. Ja, hier ist was los. Zero ist los, Zero ist losgelassen. Zero in Bonn. Das klingt wie der neueste politische Witz, den sich die letzten paar Oppositionellen zuflüstern. Wußten Sie schon: in Bonn Zero. Zero, eine Null, die Nullen, der absolute Nullpunkt oder aber auch der Augenblick des Starts. Countdown: fünf – vier – drei – zwei – eins – zero, ab geht die Rakete.

Zero hat sich eine Woche vor der neuen Regierung in Bonn etabliert. Neuss könnte sich das vormerken, Grass ein Gedicht schreiben: Zero in Bonn. Im Haus der Städtischen Kunstsammlungen koalieren Macke und Mack. Ich stelle mir vor, wie hübsch es wäre, wenn die neuen Herren Kanzler und Minister Zero in Bonn besuchen würden. Die Gesichter möchte man sehen, Kiesinger noch smarter und Wehner noch finsterer und Brandt biedermännlich aufgeschlossen, Strauß bajuvarisch dröhnend. Aber das Vergnügen werden sie uns nicht machen. Für so was haben doch unsere Minister keine Zeit, die gehen, wenn sie entspannen, im Winterwald spazieren oder jagen Kaninchen oder lesen einen Krimi. Bonn ist nicht Paris, wo es für einen Minister keine Schande ist, sich anzusehen, was Künstler so machen.

„Wir begrüßen Zero in Bonn“, schreibt Eberhard Marx, „wir grüßen Mack, Piene und Uecker, wir grüßen ihr Licht usw., grüßen die leuchtenden Röhren, die Nägel, die Motoren, die Aggregate, die Dynamik, die Bewegung ...“ Dynamik und Bewegung: man sollte unserer großen Koalitionsregierung doch eine Zwangslektion Zero verordnen. Die Zero-Gruppe ist, nachdem sie in den letzten fünf Jahren wichtige Städte in Europa und USA aufgesucht hat, jetzt zum erstenmal in Bonn. Möglicherweise ist es ihr letzter gemeinsamer Auftritt. Einem on-dit zufolge, wie man in Bonn sagen würde, wollen die Zeroleute ihre Koalition auflösen. Sie haben sich für diese Abschiedsschau mächtig ins Zeug gelegt. Jeder hat einen Raum erstellt, eingerichtet, durch Farben, Licht, Motoren, Ideen in Vibration gebracht.