FÜR Lyrik-Leser, die sich dennoch vor Sammelbänden und Anthologien scheuen, weil die Menge ihnen die Konzentration auf das einzelne Gedicht schwer macht –

„Luchterhands Loseblatt Lyrik“, herausgegeben von Elisabeth Borchers, Günter Grass und Klaus Roehler; Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied/Berlin; Lieferung 4,80 DM, Einzelblatt 1,– DM, Jahresabonnement (6 × 7 Blätter) 25,– DM.

ES ENTHÄLT jede der Mappen, die alle zwei Monate erscheinen sollen, sieben Blätter mit sieben unveröffentlichten Gedichten von sieben verschiedenen Autoren: die erste von Johannes Bobrowski, Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass, Günter Herburger, Bernd Jentzsch, Günter Kunert und Vagelis Tsakiridis. Die schön, vielleicht zu schön gedruckten Blätter haben ein auffallendes, ungewöhnliches und allerdings besonders für den Buchhandel unbequemes Format: Bei 18 cm Breite sind sie etwa einen halben Meter lang.

ES GEFÄLLT diese neue Idee, Gedichte unter die Leute und an die Leute heranzubringen. Einzelne Gedichte: das heißt, daß für den Autor der Zwang fortfällt, unbedingt einen Band zu füllen, ehe er sich im Buchhandel seinen Lesern stellen kann; daß dem Käufer die bloßen Füllsel erspart bleiben können; und daß das Gedicht, in dieser seiner Isolierung nicht mehr für eine Autorenpersönlichkeit und schon gar nicht mehr für. eine Schule oder Richtung, sondern nur noch für sich selbst sprechend, eine ganz neue Individualität gewinnt. Das kauft man sich, nicht um sich die Genugtuung zu verschaffen, über einen Dichter oder eine Generation oder eine Strömung Bescheid zu wissen, sondern um mit Gedichte-Individuen genauer und aufmerksamer umzugehen. Man hängt sich die Blätter an die Wand, das eine wird man nach ein paar Tagen gern wegwerfen, das andere wird man wochenlang hängen lassen und immer wieder lesen, erstaunt, jedesmal Neues aufspüren zu können und ein intimes Verhältnis zu gewinnen, wie es eine Begegnung im Buch nur selten schafft. D. E. Z.