Rudolf Sperner, der Nachfolger Georg Lebers auf dem Stuhl des ersten Vorsitzenden der Industriegewerkschaft Bau-Steine-Erden, leitete seinen Amtsantritt mit einem Fanfarenstoß ein. Obwohl die Tarifverträge in der Bauwirtschaft erst Ende März auslaufen, Lohnverhandlungen in diesem Wirtschaftszweig also zur Zeit noch nicht aktuell sind, sprach Sperner vor dem Beirat seiner Gewerkschaft die „Erwartung“ aus, daß die IG Bau im kommenden Jahr eine Lohnerhöhung von 4,3 Prozent werde durchsetzen können. In Bonn und in der Öffentlichkeit wurden die Ausführungen Sperners als eine Demonstration des guten Willens gewertet, an der vom Sachverständigenrat empfohlenen „kontrollierten Expansion“ mitzuwirken.

Und so sind diese 4,3 Prozent auch gemeint. Niemand kann heute schon sagen, ob eine Lohnerhöhung dieses Ausmaßes von der Bauwirtschaft im Frühjahr nächsten Jahres verkraftet werden kann, ohne Wachstum und Preisstabilität zu gefährden. Sperner selbst knüpfte seine „Lohnerwartung“ an die Voraussetzung, daß die Bundesbank die kreditpolitischen Zügel lockert und die von der neuen Bundesregierung angekündigte Wachstumspolitik alsbald in die Tat umgesetzt wird. Auch dann könnte es sich möglicherweise herausstellen, daß 4,3 Prozent noch zu hoch gegriffen sind. Aber 4,3 Prozent sind eine solide Basis für Lohnverhandlungen, die den Rahmen der „kontrollierten Expansion“ nicht sprengen. Und darauf kommt es jetzt an.

Es ist gut zu wissen, daß die IG Bau auch unter ihrer neuen Führung ihren bewährten lohnpolitischen Kurs des Maßes fortzusetzen gedenkt. Bleibt abzuwarten, wie es die IG Chemie nun fertigbringen wird, vom hohen Roß ihrer Lohnforderungen, die alles in allem an die 13 Prozent heranreichen, mit Anstand herunterzukommen. kr.