Von Alexander Rost

Szene: Der genußmäulige Löwe sitzt auf dem Dach und angelt durch den Rauchfang dem Enterich Donald Duck die Speisefische vom Tisch. Donald Duck in seinem Blockhaus zwischen Hinterwald und Wüste hat seine Flinte allzeit griffbereit wie ehedem Davy Crockett. Der Löwe rennt. Die Kugel, nein: viele Kugeln fliegen. Der Plural ist wichtig. Donald Duck schießt nicht mit tödlichem Projektil. Korn für Korn, wie ein Insektenschwarm, stachelstichbereit, saust die Schrotladung hinter der Naschkatze her. Der Löwe schlägt einen Haken, das Schrot auch. Dann trifft’s. Kein Herz wird zerrissen, kein Knochen zerbrochen. Schmerzscherzhaft schlagen die Schrotkörner in jenen Körperteil, der ohnehin zur Aufnahme von Schlägen prädestiniert ist. Szenenwechsel: Donald Duck haut seine Fische in die Pfanne; und herbei schleicht der nächste Ärger ...

So geht es her in den gezeichneten und seit Jahrzehnten meist auch kolorierten Filmen Walt Disneys. Zeichentrickfilme altern nicht so schnell wie Schauspielerfilme. Sie werden ihren Schöpfer noch geraume Zeit überleben.

Walt Disney ist am 15. Dezember, zehn Tage nach seinem 65. Geburtstag, im katholischen St.-Joseph-Hospital in Burbank bei Hollywood an Lungenkrebs gestorben. In Burbank stehen seine Studios.

In der Rechtsabteilung ist man unter anderem darauf bedacht, daß Donald Duck nicht auf unlizensierte Kinderlätze gedruckt wird. Walt Disneys Tiere brechen aus ihrem Studio-Zoo immer wieder in die Gefilde freier Reklamemarktwirtschaft aus. Den Instinkt dafür haben sie von Walt Disney selbst. Er war einmal Werbezeichner.

In Chikago als Sohn eines Zimmermanns geboren, war er. vom Vater her irisch-kanadischer und von der Mutter her deutsch-amerikanischer Abstammung; deutschen Gesprächspartnern gegenüber versäumte er selten, auf „etwas Grimm“ in seinen Adern hinzuweisen. Er war der jüngste in einer ich-weiß-nicht-wieviel-Kinder-reichen Familie. Selbstverständlich hat er (höchst wichtig für jede amerikanische Vita seiner Generation) einmal als Zeitungsjunge seine Cents verdient. Zum Schluß des Ersten Weltkrieges chauffierte er in Frankreich einen Verwundetentransportwagen, den er mit allerlei Karikaturen ausgemalt hatte.

Nach einer Stippvisite an der Kunsthochschule in Chikago marschierte er als Reklamezeichner schnurstracks in den Konkurs. Er gammelte herum und war dabei fleißig.