Von Dietrich Strothmann

Hof, Ende Dezember

Der Strich fällt jedem ins Auge. Er ist wie mit dem Lineal gezogen: schnurgerade und ohne Kleckse. Es ist ein Strich aus weißer Farbe, zwanzig Zentimeter breit, etwa 15 Meter lang. Das unschuldige Weiß auf dem grauen Untergrund glänzt noch, wie das Meisterstück eines biederen, rechtschaffenen Malermeisters, der zeigen wollte, was er kann. Deutsche Wertarbeit. Ein weißer Strich, made in Germany – eine gepinselte Barriere. Er ist erst ein paar Tage alt – dieser Strich an der Grenze zwischen Deutschland. Aber er wird noch viele Tage und Jahre alt werden. Es ist ein häßlicher, böser weißer Strich, mitten in Deutschland, über dem Pfeiler Nummer sieben der Autobahnbrücke Berlin–München bei Hof in Oberfranken.

Punkt 12 Uhr, am Montag der Weihnachtswoche 1966, ist dieser Strich zur Grenze geworden. Pünktlich, auf die Sekunde, leuchten „drüben“ die drei Lampen der Blinklichtanlage (für Pkw, Busse und Lkw) grün auf: Fahrt frei! Eine schwarze Limousine rollt heran. Ihre Kennzeichen: B 3 – 1. Die beiden Offiziere vom „Kommando Grenze“ der Nationalen Volksarmee in ihren langen, grauen Uniformmänteln und hohen Schaftstiefeln, legen die rechte Hand an die Pelzmütze. Sie salutieren vor dem ersten Passanten, der den weißen Strich auf der Saale-Brücke überquert und in Richtung Berlin fährt – dem Regierenden Bürgermeister Heinrich Albertz. Der erste gesamtdeutsche Brückenschlag war vollzogen. Ohne Formalitäten, ohne Zeremoniell. Keine Fahnen, keine Musik, keine Reden, kein Band zum Durchschneiden und auch kein Handschlag mit dem Ostberliner Verkehrsminister Cramer.

Mit seinem Kommen hatte Albertz eigentlich gerechnet. Er selber war von Berlin nach Nürnberg geflogen. Seinen Dienstwagen aber – den Stander hatte sein Fahrer im Kofferraum verstaut – hatte er quer durch die DDR über den Kontrollpunkt Töpen-Juchhöh nach Hof geschickt. In den Sonntagszeitungen hatte gestanden: Albertz wird am Montag, 12 Uhr, als erster die wiederaufgebaute Autobahnbrücke über die Saale passieren. Also wußten auch die Behörden „der anderen Seite“ Bescheid. Aber sie nahmen keine Notiz davon. Das gesamtdeutsche Ereignis auf dem Autobahnviadukt bei Hof fand ohne politisches Brimborium statt, sang- und klanglos.

Es war ein Montag wie jeder andere: die DDR-Lampen blinkten grün, der Wagen aus Berlin rollte gemächlich über den weißen Strich, vorbei an dem Transparent „Herzlich willkommen in der DDR“. Heinrich Albertz winkte den beiden „National“-Hauptleuten freundlich zu und ließ sich für das Ost-Fernsehen filmen. Dann, nach dreihundert Metern, verschwand das Dienstgefährt hinter einer Bodenerhebung. Zweieinhalb Stunden später traf der Bürgermeister in Berlin ein Fahrt normal verlaufen ...

Angefangen indessen hatte alles höchst unnormal. 1964, im Sommer, hatten die Ostberliner Gesprächspartner des damaligen Leiters der Interzonenhandels-Treuhandstelle, Kurt Leopold, überraschend dem Bonner Plan zugestimmt, die Autobahnbrücke über der Saale wiederaufzubauen. Für die DDR ist dieser Grenzdurchlaß eigentlich ohne Nutzen. Nur zehn Prozent des Durchgangsverkehrs führt in die DDR, der Rest geht in die alte Hauptstadt, 500 000 Wagen pro Jahr. Den Vorteil haben also allein die Berlin-Fahrer, die nun eine Stunde eher in München sind. Auf der Route über den alten Kontrollpunkt bei Töpen-Juchhöh mußten sie einen Umweg von 35 Kilometern einkalkulieren. Obendrein war dort das Pflaster miserabel. Unter den Fahrern hieß diese Strecke nur „Bierdeckelstraße“. Unfälle waren dort an der Tagesordnung.