Wir können die Kinder nach unserem Sinne nicht formen; so wie Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben, sie erziehen aufs beste und jeglichen lassen gewähren!“ Was Münch an anderer Stelle so formuliert: „Die Rechnungen auf dem Gebiete der Erziehung gehen selten auf. Und das eben ist es, was uns Erzieher so bescheiden macht und vor Überheblichkeit bewahrt.“ – Goethe hat’s gesagt; der sächsische Reformpädagoge Georg Münch hat es in den zwanziger Jahren in einem seiner zahlreichen Bücher zitiert; Pädagogen und Eltern, Psychologen und Mediziner halten sich an dieses Wort und suchen immer wieder nach neuen Wegen, Erziehungs- und Bildungsmethoden zu vervollkommnen und der Welt des Kindes und des jungen Menschen anzupassen.

Einer der interessantesten Schulversuche unserer Zeit dürfte in der Bundesrepublik in einer Frankfurter Privatschule zu finden sein: in der Anna-Schmidt-Schule, die vor genau 80 Jahren von der Namengeberin gegründet wurde. Unter der Leitung von Dr. Paul Scheid umfaßt sie heute als eine Art modernes Schulzentrum eine Tagesheimschule mit Internat, ein Gymnasium mit Internat, eine Montessori-Schule (die auf einem ebenfalls vorhandenen Montessori-Kinderhaus aufbaut), außerdem eine Ausbildungsstätte für Montessori-Lehrkräfte sowie ein Anstaltsseminar für die Ausbildung von Studienreferendaren.

Dr. Scheid ist zugleich Präsident der Deutschen Montessori-Gesellschaft, die er 1952 (nachdem sie zwischen 1933 und 1945 nicht mehr in Deutschland hatte arbeiten können) wieder ins Leben gerufen hat. Dr. Maria Montessori war jene italienische Ärztin und spätere Pädagogin, die nach der Jahrhundertwende in Rom ihr erstes Kinderhaus gründete, in dem die Schule zur Stube und das Motto „Hilf mir, es selbst zu tun“ Leitsatz für eine neue Erziehungs- und Lehrmethode wurde.

Mit dieser Methode hat Dr. Scheid seine Arbeit 1948 als Leiter der Anna-Schmidt-Schule aufgenommen. Schon drei- und vierjährige Kinder lernen spielend im Kinderhaus, ihre Sinne zu schärfen und Erkenntnisse bewußt aufzunehmen. „Wir hören einfach auf, mit ihnen leere Beschäftigungstheorie zu treiben“, erklärt Scheid, „wir lassen sie zum Beispiel mit Perlen spielen; aber die Perlen haben einen bestimmten Wert. Für die Perle der einen Farbe kann das Kind zehn Perlen einer anderen Farbe bekommen. Unversehens kommen die Kinder zu dem Entschluß, aufpassen und nachzählen zu wollen. Und wenn man ihnen dabei hilft, kennen sie als fünf- bis sechsjährige Knirpse plötzlich einen Zahlenbereich zwischen eins und hundert. Im Grunde ist es ein einfacher Vorgang. Es werden nur bestimmte Phasen in der Entwicklung eines Kindes ausgenutzt, diejenigen Phasen, in denen es bereit ist zu erkennen. Wochen und Monate wird im Spiel der eine Augenblick vorbereitet, in dem das Kind plötzlich ‚aha‘ sagt und einen gewaltigen Schritt weiter ist.“

Von der Ansammlung einzelner „Aha-Momente“ geht man dann – für das Kind scheinbar stufenlos – beim Sechsjährigen zur systematischen Schulbildung über. Aber das Prinzip bleibt ähnlich: Begriffe wie Quadrat und Kubik zum Beispiel werden in greifbare Gegenstände verwandelt, die sich das Kind selbst ertastet. „Pythagoras“, sagt Scheid, „wird erst mit den Händen begriffen, bevor er an der Tafel zeichnerisch erläutert wird.“

An diesem Punkt, wenn es in die Mathematik geht oder in den Bereich der Fremdsprachen, beginnt bei der Anna-Schmidt-Schule außerdem jener Vorgang, der inzwischen für die Förderstufen-Schulen des Landes Hessen zum Vorbild wurde: Vom fünften Schuljahr an wird der Klassenverband durch Gruppenarbeit aufgelockert.

„In einem normalen Gymnasium“, sagt Scheid, „unterscheidet man die Kinder in begabte und unbegabte und berieselt sie alle innerhalb einer Altersklasse täglich mit dem gleichen Stoff. So als ob Menschen Maschinen wären, die eine durchschnittliche Menge ‚Begreifen‘ produzieren. Was aber ist mit dem Kind, das in einer gewissen Entwicklungsphase nicht so schnell begreift? Und was mit jenen – die modernen amerikanischen Lehrmaschinen fordern diese Frage in neuester Zeit besonders heraus –, die ein Stoffgebiet schneller erfassen und allen anderen voraus sind?“