Hätte mir jemand gesagt, man könne eine Stadt, die man nie vorher gesehen hat, in drei Tagen lieben lernen, hätte ich ihn ausgelacht. Eben dies/aber ist mir in Prag zugestoßen.

Einst seien Paris, Prag und Konstantinopel die wichtigsten Städte des Abendlandes, gewesen, erzählen die Prager Fremdenführer. Man glaubt es, wenn man das Prag von heute sieht. Es ist schöner als Paris, stolzer als Wien, lebendiger als Florenz und Venedig. Nur Rom und seine alte Geschichte halten Stand. Das Prager Barock hat nicht die Leichtigkeit der Wiener Schule Fischer von Erlachs; es ist gewichtig und strahlt Macht aus. Seltsam, wie die Tschechen die gemeinsame deutsch-tschechische Vergangenheit zu verarbeiten wissen. Maria Theresia, deren Name unbefangen genannt wird – ihre Bauten sind selbst auf dem Hradschin nicht zu übersehen – war für sie eben Königin von Böhmen. Die Habsburger sind Prag untreu geworden; so sieht das von dort aus.

Deshalb spricht auch alle Welt unbefangen über die Vertreibung der Deutschen nach 1945. Den Habsburgern 1918 die Treue zu kündigen, das war ein historisches Recht. Daß aber die drei Millionen Deutschen nach 1918 den tschechischen Staat nicht wollten, nehmen ihnen die Tschechen noch heute übel: „Die Deutschen hatten doch in der Tschechoslowakei alle Freiheiten!“ Daß die Tschechen in der Habsburger Monarchie mindestens genauso frei waren, will niemand mehr wissen. Hitler hat dann durch seine Brutalität bei der Zerstörung der Tschechoslowakei allem Hadern ein Ende gesetzt; die blutige Herrschaft der Nazis wird auch vor der Geschichte die Rache der Tschechen an allen Deutschen zwar nicht rechtfertigen, aber vielleicht begreiflich erscheinen lassen. Und die Deutschen in Prag – das waren doch wohl nicht zuletzt die Juden, die sich zur deutschen Sprache und Kultur bekannten. Unsere Vertriebenen-Funktionäre müßten sie aus der Asche von Auschwitz in ihre Prager Heimat zurückbringen.

Ich habe etwa zwei Dutzend Leute der „Intelligenz“ gefragt, ob sie noch heute, zwanzig Jahre nach den Mordtaten Hitlers, jene rücksichtslose Vertreibung der Deutschen aus ihrer Heimat für richtig hielten. Nur zwei sagten, sie hätten sie schon damals mißbilligt. Alle anderen – Freunde und Gegner des jetzigen Regimes – meinten: das Zusammenleben mit den Deutschen habe sich als unmöglich erwiesen. Nur die Sprache verrät ein wenig schlechtes Gewissen: Nie sprechen die Tschechen von der Vertreibung, immer nur von „Aussiedlung“ der Deutschen. Das klingt so fürsorglich. Man hat doch auch auf dem Hradschin recht viel vergessen.

Gewiß, die Versuche Bonns, sich den Tschechen zu nähern, waren tolpatschig und durch das Geschrei der Vertriebenen-Funktionäre entstellt. „Man hat die Latte, über die die Deutschen springen sollen, immer etwas höher gehängt“, sagte mir ein Tscheche, der sich in der Außenpolitik auskennt. Deshalb die aus heiterem Himmel gekommene neue Forderung, die Bundesrepublik solle das Münchener Abkommen von 1938 rückwirkend für nichtig erklären. Von einem historischen Vorgang, den fast die ganze Welt damals gebilligt hat, nachträglich zu erklären, er habe nicht stattgefunden, das erscheint absonderlich. Verständlich, wenn man in Bonn dahinter nach unbekannten Motiven sucht. Doch es gibt sie nicht.

Der tschechische Staatspräsident Novotny hat jenen Anspruch zuerst in einem Interview erhoben, das er am 10. November 1963 der Illustrierten „Stern“ gab. Es scheint, daß es darüber in der Prager Staatskanzlei einigen Streit gab. „Das könne man den Deutschen nicht zumuten“, meinten die Realisten. Aber die harte Linie gewann. Man kann in der Tat von den Tschechen in der „deutschen Frage“ auch heute noch kaum kühle Vernunft erwarten.

Das deutsche Auswärtige Amt fürchtet bei einer Nichtigerklärung des Münchener Abkommens für jene Deutschen, die immer noch in der Tschechoslowakei zurückgehalten werden. Die Tschechen haben zwar die meisten Deutschen vertrieben; einigen Deutschen, die sie brauchen, haben sie (nachträglich, ohne sie zu fragen), die tschechische Staatsangehörigkeit verliehen. Ist das Münchener Abkommen nichtig, dann verlieren diese Bürger die in München erworbene deutsche Staatsangehörigkeit. Wenn die Tschechen aber bereit wären, von den 200 000 Betroffenen die 50 000 oder 60 000 gehen zu lassen, die heute nach Deutschland wollen, dann gäbe es wirklich kein Hindernis mehr für eine Verständigung.