Von Manfred Triesch

Es gibt glücklicherweise keine Regel, wie man Weihnachten zu feiern habe. Auch keine, ob und was man zu singen habe. Das Kapitel Weihnachtslieder ist in den meisten deutschen Familien ohnehin ziemlich heikel. Nicht nur, weil die Feierlichkeit unter ungeübten Stimmen leidet, eher schon, weil viele unserer Weihnachtslieder Erzeuger einer zweifelhaften Stimmung sind. Zwar haben wir eine ganze Reihe schöner, meist alter Weihnachtslieder, aber sie sind wenig bekannt und wenig beliebt.

Die Engländer haben eine reiche Tradition von schönen Weihnachtsliedern und singen auch heute noch die alten Carols, die sich zum Teil von den Themen der unseren so vorteilhaft unterscheiden.

Für die Verbreitung des Terminus hat Dickens mit seinem „Christmas Carol“ gesorgt, der alljährlich noch immer in den Englischstunden der Gymnasien ans Licht gezogen wird. Darüber hinaus hat Dickens nichts zur Klärung des Begriffes. beigetragen, aber das war ja auch nicht seine Absicht. Schon eher hätte es die Absicht einer Auswahl alter englischer Weihnachtslieder sein können, die eben erschienen ist –

Erich Fried (Herausgeber und Übersetzer): „Der Stern der tat sie lenken“ – Alte englische Lieder und Hymnen; Carl Hanser Verlag, München; 146 S., 14,80 DM.

Weihnachtslieder ist nicht die richtige Bezeichnung für diesen Typus, der ohnedies noch vielfältig in sich gespalten ist. Weihnachtslieder waren die Carols ganz am Anfang, als sie über Frankreich aus Italien im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert nach England kamen. In ihrem Ursprung waren sie gar höfische Reigen („caroles“), wurden dann zu „Noels“, um sich schließlich im England des fünfzehnten Jahrhunderts wieder teilweise der christlichen Tradition zu entfremden. Dörflicher Tanz steht am Ende des Entwicklungsreigens.

Die Sammlung Erich Frieds ist insofern repräsentativ, als sie die einzelnen Stufen der Entwicklung auswahlweise darstellt. Welch thematischer Reichtum tritt uns anspruchslosen Festfeierern da entgegen! Hier protestiert der sowieso immer als etwas zu farblos und rücksichtsvoll empfundene Joseph endlich einmal gegen die Rolle, die ihm ohne Zutun zugefallen ist. Im „Kirschbaumlied“ und in „Josephs Mißtrauen“ ergänzt sich die Figur, in Anlehnung an die apokryphen Schriften der Bibel, endlich um einen Zug, der sie verständlicher macht. Wenn Joan Baez heute mit zarter Stimme Josephs Protest („let the father of the baby gather ehernes for thee“) Ausdruck gibt, wissen die wenigsten, woher das Lied kommt. Hier erfahren sie es, nur daß es bei Erich Fried heißt: „Soll der dir Kirschen pflücken / Der dir dies Kind gemacht.“ (Schuld daran ist der Zwang, auf „sacht“ reimen zu müssen.)