„New York Times“: Kurt Georg Kiesinger hat sich auf Neuland begeben ... Jeder neue Kanzler Westdeutschlands mußte gewiß zu dieser Zeit die deutschen Interessen stärker betonen, das Verhältnis zu Frankreich zu verbessern suchen, neue Initiativen gegenüber Osteuropa ergreifen und einen einigermaßen unabhängigen Kurs gegenüber Washington einschlagen. Kiesinger hat all dies getan, im ganzen gesehen mit Zurückhaltung, politischem Gespür und mit einem Gefühl für die Verantwortung und Loyalität gegenüber den Bindungen mit den Vereinigten Staaten innerhalb der NATO.“

„Times“: „Mit so vielen Andeutungen auf Kompromisse wird Kiesingers Erklärung den NATO-Ministerrat kaum erleuchten. Sie zeigt jedoch, daß die Bewegung in Bonn, wenn sie sich auch langsam vollzieht, zumindest den richtigen Kurs eingeschlagen hat. Das sollte als Ermutigung zu einer ernsthaften Diskussion darüber gewertet werden, wie man die NATO den neuen Realitäten Europas anpassen kann.“

„The Guardian“: „Bundeskanzler Kiesinger hat das Erscheinungsbild der deutschen Außenpolitik umgewandelt. Doch hat er auch ihren Inhalt geändert? Seine Regierungserklärung schlug vieles vor, versprach jedoch wenig Handgreifliches. Politisch möglich ist eine Änderung der Politik in bezug auf Nuklearwaffen. Kiesingers Finger am nuklearen Abzug würde den Russen nicht sympathischer sein als der Finger Adenauers oder Erhards.“

„L’Aurore“: „Abgesehen von dem Klima zwischen Bonn und Paris, das sich seit Amtsantritt der neuen deutschen Regierung glücklicherweise verbessert hat, ist in der deutschen Außenpolitik keine Änderung eingetreten. Der Grund ist darin zu suchen, daß gar keine andere Variante möglich ist. – Die einzige Hoffnung für de Gaulle, Deutschland in das große Abenteuer der Errichtung eines Europa vom Atlantik bis zum Ural hineinzuziehen, wäre das sowjetische Versprechen, die deutsche Wiedervereinigung zuzulassen.“

„Iswestija“: „Es hat den Anschein, als ob die neue Regierung ihre kriegerischen Pläne mit friedliebenden Deklarationen tarnen will.“

„Zycie Warszawy“: „Brandt erlitt mit seinem Wunsch, den Verzicht Westdeutschlands auf Kernwaffen zu erklären, eine Niederlage. Diese Niederlage zeigt an, was die große Koalition unter Führung Kiesingers wirklich ist und welche Grenzen einer Abkehr von der alten Politik gesetzt sind.“

„Mlada Fronta“ (Prager Jugendorgan): „Zum erstenmal verurteilt die Bundesregierung offen Hitlers auf die Zerstörung des tschechoslowakischen Staates abzielende Politik. Man sollte sich daran erinnern, daß westdeutsche Regierungsprogramme derartige Erklärungen bisher vermieden haben.“