Von Werner Höfer

Des neuen Bundesaußenministers Rückkehr aus Paris war begleitet vom einhelligen Applaus der Diplomaten und Korrespondenten. Ein Nachhall drang noch in den Plenarsaal des Bundeshauses, als er in der Debatte über die Regierungserklärung für die außenpolitische Konzeption der großen Koalitionsregierung den Kopf hinhielt.

Am Wochenende, am letzten Tag seines 53. und am ersten seines 54. Lebensjahres, mußte er sich in der Godesberger Stadthalle 700 Parteifreunden stellen. Wahrscheinlich hätte der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands es vor diesem kritisch aufgelegten Auditorium schwerer gehabt, wenn nicht das freundliche Echo der Pariser Premiere und des Bonner Debüts die Genossen nachdenklicher und nachsichtiger gestimmt hätte. Die Rührung war wechselseitig, als die Partei ihrem Chef die goldene Uhr August Bebels als Geburtstagsgeschenk überreichte – ein Geschenk, das ein Stück Parteigeschichte darstellt: August Bebel hatte die Uhr einst für treue Dienste erhalten; dann war sie vor drei Jahren, am 50. Todestag des aus Köln stammenden Leipziger Drechslermeisters, Willy Brandt bereits einmal geschenkt worden; er gab sie damals, einer spontanen Regung folgend, weiter an die Partei; und nun schenkte die Partei sie ihm – in einem großen Augenblick ihrer Geschichte – zurück.

Glücklich und zufrieden vor sich hin lächelnd, bei einem Getränk, das man kaum mehr als Whisky, aber noch nicht als Limonade bezeichnen mochte, rekapituliert Willy Brandt die Ballade von der Bebel-Uhr. Ob sich die Stimmung in den mittleren und unteren Rängen der Partei gewandelt habe, ob das unverhohlene Unbehagen über die Beteiligung der SPD an der Regierung einer wohlwollenden Duldung gewichen sei – dies die erste Frage an den Partei-Boß und Vize-Kanzler.

„Gerade habe ich erfahren, daß in den letzten kritischen Wochen 6000 Neuanmeldungen registriert wurden.“

„Aber vielleicht waren die Abgänge höher als die Zugänge?“

„Keineswegs! Unter denen, die ausgetreten sind, waren gewiß viele, die glaubten, diesen Schritt ihrem Gewissen schuldig zu sein, es waren aber auch manche dabei, die ohnehin nur noch, stille Teilhaber der Partei gewesen sind.“