Von Nieter O’Leary

Mehr und mehr Deutsche reisen zu Weihnachten ins Ausland. Warum sollten da nicht Ausländer nach Deutschland reisen. Hier schildert ein Brite, warum er zum Fest nach Deutschland fuhr, und erzählt zugleich, warum er zu Weihnachten nicht gern im heimischen London ist.

Man müßte mal wieder in einem deutschen Winterwald spazierengehen, meinte meine Frau an einem diesigen Regenabend in London. Wir waren gerade bei Weihnachtseinkäufen. Vor Schreck rammte ich mit dem Schirm eine Dame. Wenn nämlich meine Frau einen Satz mit: Man müßte mal... beginnt, weiß ich schon Bescheid. Erfahrung lehrte mich: Sie will etwas, und es ist zwecklos, sich lange zu wehren. Immer wieder bringt sie das Gespräch so beiläufig auf das Ziel ihrer Wünsche. Sie ist sehr geschickt darin. Beim Abendbrot war es der deutsche Weihnachtsmarkt mit seinen bunten Glaskugeln, Pfefferkuchenherzen und wirbelnden Schneeflocken. Beim Frühstück war es eine kleine Dorfkirche im tiefen Schnee, beim Mittagsmahl war die Rede von der deutschen Weihnachtsgans und Rostbratwürsten. Da hat es keinen Sinn zu entgegnen, daß es auch bei uns nette Dorfkirchen gibt. Und daß man auch in England Gänse braten kann und die deutsche Weihnachtsgans ohnedies wahrscheinlich aus Dänemark oder Polen stammt. Es half alles nichts. Deutsche Weihnachtslieder klingen eben schöner als englische. Da kann man nichts machen.

Ich begann mich mit dem Gedanken zu befreunden, unserem Weihnachtskarneval mit seinen unmäßigen Alkoholgenüssen zu entfliehen. In London reißen ja doch die Partys nicht ab. Selbst unser Arzt schenkt allen seinen Patienten so Viele Drinks ein, als wollte er ihnen eine Trinkerleber anhexen. Ich war es allein schon meiner Gesundheit schuldig, Weihnachten einmal in Deutschland zu verleben.

Wir feierten ein frohes Wiedersehen mit unseren Freunden in München und dann mit der schneelosen Landschaft. Ja, Schnee hätte es heuer nur im matschigen Zustand gegeben, hieß es, und dagegen wäre ein Enzian gerade recht. Die Dorfkirche im Schnee sei eine Schnapsidee. Dazu müßten wir schon hoch auf die Berge. Außerdem sei da noch eine kleine Schwierigkeit, da die Skifahrer sämtliche Gasthäuser belegt hätten. So erklärten die Freunde heiter. Überhaupt sei es doch in München auch recht schön.

Sie hatten recht. Es ist herrlich in München zur Weihnachtszeit. Wir sahen die Stadt zum erstenmal von einer gänzlich anderen Seite. Wir ließen uns vom Weihnachtstrubel treiben. Wir waren frei. Dafür mußten unsere Freunde die Festvorbereitungen treffen. Sie sahen gehetzt und nervös aus. Wir aber konnten alle Dinge tun, zu denen man sonst nie kommt.

Zuerst blies uns der Weihnachtswind in das Bayerische National-Museum. Seit Jahren wollte ich die berühmte Krippensammlung sehen. Außer einigen Schulkindern schienen sich Einheimische nicht dafür zu. interessieren. Sie sind wohl zu sehr mit Weihnachten beschäftigt. Drei italienische Gastarbeiter blickten mit sehnsüchtigen Augen auf die neapolitanischen Krippen.