fünftausend Arbeiter sollen entlassen werden. Der Betrieb, in dem sie bisher gearbeitet haben, ist unrentabel, die Produkte finden kaum noch Käufer. Eine Umstellung auf ein anderes Fabrikationsprogramm ist nicht möglich. Die Kosten sind nach Ansicht der Vorstandsmitglieder des Unternehmens, zu dem dieser Betrieb gehört, zu hoch. Statt dessen beschließt man, mit einem Aufwand von 250 Millionen Mark ein anderes, erst kürzlich in Betrieb genommenes Werk in Küstennähe auszubauen. Ein Teil der Arbeiter, die wegen der Betriebsschließung ihre alten Arbeitsplätze verlieren, kann in anderen Betrieben des Konzerns weiterbeschäftigt werden, die übrigen müssen sich nach neuen Arbeitsplätzen umsehen. Einige von ihnen sind für längere Zeit arbeitslos.

Jeden Tag werden in irgendeinem der großen deutschen Konzerne ähnlich weitreichende und folgenschwere Entscheidungen getroffen. Das Schicksal von Hunderttausenden von Angestellten und Arbeitern hängt von den Entschlüssen ab, die eine kleine Zahl von Spitzenmanagern in diesen Unternehmen faßt. Sie verwalten ein Kapital von vielen Milliarden Mark, das Banken und Aktionäre ihnen anvertraut haben. Tausende von kleinen Industriebetrieben sind als Lieferanten von ihnen abhängig.

Was sind das für Männer, die über so viel Macht verfügen, in deren Händen die Schalthebel der Wirtschaft liegen? Sind es die besten und fähigsten Köpfe, denen der Aufstieg in die Spitzenpositionen der Industrie gelingt, oder sind sie Angehörige einer Wirtschaftsaristokratie, die Macht und Einfluß unter sich aufteilt? Mit anderen Worten: Sind Charakter, Leistung und Erfahrung die wichtigsten Voraussetzungen für eine Managerkarriere, oder sind es die Väter, deren Geld, Beruf und gesellschaftliche Stellung den Söhnen den Weg nach oben geebnet haben? Die Öffentlichkeit weiß darüber wenig.

Rührselige Geschichten von Zeitungsjungen, die sich bis zum Generaldirektor emporgearbeitet haben, geben auf diese Fragen ebensowenig eine Antwort wie die weitverbreitete Meinung, daß in der Großindustrie einzig und allein Geld, Beziehungen und Herkunft die Türen zu den Vorstandszimmern öffnen. Die wirtschaftliche Machtelite ist nach dieser Ansicht eine^streng geschlossene, undemokratische und reaktionäre Kaste, in die in jeder Generation nur wenige Außenstehende einzudringen vermögen. „Unsere bedeutenden Unternehmungen werden von Leuten geführt, die alles andere, sind als bewährte oder gar durch besondere Leistungen qualifizierte Männer. Vielmehr sind sie allesamt ‚geborene‘ Vorstandsmitglieder, die nach Erreichen einer bestimmten Altersgruppe ebenso automatisch, wie sie in jüngeren Jahren Direktoren wurden, nunmehr Aufsichtsräte werden. Sie gehören bloß zu einer bestimmten und dazu noch ganz kleinen Gruppe, zu bestimmten Familien, zu bestimmten kastenstrengen Bünden, zum Adel, zur Verwaltungshierarchie – und sonst nichts.“ So konnte man’s in den gewerkschaftlichen Monatsheften lesen.

Haben hier nur Vorurteile und Ressentiments den Blick für die Tatsachen getrübt, oder ist das wirklich so? Das Studienbüro für Industriesoziologie hat unter Leitung von Karl W. Boetticher zusammen mit der Gießener Soziologin Professor Helge Pross versucht, den Schleier zu lüften, der über der sozialen Herkunft der leitenden Männer unserer Wirtschaft liegt. Die Wissenschaftler wollten jenseits aller Emotionen und Propaganda wissen, ob in der westdeutschen Gesellschaft immer noch eine enge Beziehung zwischen sozialer Herkunft und Aufstiegschance besteht oder ob jeder, der die Fähigkeiten dazu mitbringt, heute in die industriellen Spitzenpositionen vordringen kann.

Leicht war diese Aufgabe nicht zu lösen. Manager sprechen nur ungern über ihre Väter und Großväter. Man hatte eine repräsentative Auswahl deutscher Großunternehmen um Mitarbeit gebeten, aber zwei Drittel von ihnen weigerten sich, die (anonymen) Fragebogen an ihre Mitarbeiter weiterzugeben.

In einem Antwortschreiben hieß es: „Das Geheimnis des Herkommens seiner Vorfahren hütet man in unseren Kreisen ängstlich, wenn man meint, sie seien nicht vorzeigbar. Einer unserer bekannten Industriellen gerät bekanntlich in wütende Ekstase, wenn von seinem Vater als Bonbonhändler gesprochen wird. Ähnliches war kürzlich bei einem eben in den Vorstand aufgestiegenen Herrn festzustellen, dessen Vater Milchkutscher gewesen war. In einem anderen Fall hat einer der führenden Männer der Wirtschaft seinen Vater, der ein schlichter Bankbote gewesen ist, posthum zum Bankbeamten befördert. Angesichts solcher Widerstände fürchte ich, werden Sie mit Ihrem Untersuchungsobjekt nicht weit kommen“.