Von Peter Demetz

Ernst Fischer ist nicht der Aristoteles der Neuen Linken (wie Kenneth Tynan meint), aber vielleicht ihr Erich Heller. Fischer und Heller, die beide einem arkadischen Winkel des böhmischen Erzgebirges entstammen, haben die schöne Gabe, problematische Gedanken so einleuchtend zu formulieren, daß man ihnen lange folgt, ohne Widerspruch zu erheben; man muß sich geradezu einen kleinen unfreundlichen Ruck geben, ehe man nein sagt;

Sie haben beide noch jenes k. k. österreichische Charisma (früher sagte man wohl: Charme), das sich jeder allzu nüchternen Analyse entzieht; und während Erich Heller die metaphysisch tiefe Welt des Prager Cafés ins Goethisch-Kosmopolitische entfaltet, ist Ernst Fischer, Apologet Johannes’ XXIII. und Politbüro-Mitglied der KPÖ, eben dabei, den ästhetischen Aufstand der jüngeren Generation gegen Personenkult und sozialistisch-realistisches Dogma gleichsam stellvertretend in immer neue Überlegungen zu fassen.

Das ist durchaus nichts Geringes; die marxistische Ästhetik hat der schrecklichen Vereinfacher („...nichts anderes als...“) gerade genug; und sie bedarf wahrhaftig wieder der Aphoristiker, Unruhestifter, Zwischenrufer, der Erben Franz Bleis und Peter Altenbergs. Die Essaysammlung

Ernst Fischer: „Kunst und Koexistenz – Beiträge zu einer modernen marxistischen Ästhetik“; Rowohlt Verlag, Reinbek; 238 S., Paperback 12,80 DM

erfüllt die meisten dieser Wünsche, denn nichts Einheitliches und Formelhaftes haftet ihr an. Der Kulturkritiker ist ja, wie Carlyle wußte, a doctor of things in general; und so verbinden sich, auch in Fischers Aufsätzen, politisches Pamphlet, philologische Untersuchung, schwebendes Essay, Fragment einer autobiographischen Konfession zu fruchtbaren Mischungen, die weder des Provokatorischen noch der literarischen Einsichten entbehren.

Keine billigen Schlagworte mehr: Koexistenz ist nicht mehr taktischer Vorteil zielbewußt operierender Machtsysteme, sondern vernünftiges Gespräch der Partner; da ihnen die gleichen Gefahren drohen, haben sie allen Grund, den aufklärenden Dialog zu suchen;