Berlin, im Dezember

Das Berliner Weihnachtswunder fand 1966 nicht statt: Zum erstenmal seit drei Jahren dürfen geteilte Familien in der halbierten Stadt das Fest nicht gemeinsam feiern. Der Glaube an politische Vernunft und etwas Menschlichkeit hat getrogen. Die Hoffnung, daß DDR-Postbeamte ihre Säcke mit Antragsformularen doch wieder in die Westberliner Turnhallen schleppen würden, erfüllte sich nicht. Ulbricht ließ die Passierscheinbescherung ausfallen.

Alles, was in langen Verhandlungen und Briefwechseln an „zwischenstaatlichen Beziehungen“ zur DDR geschaffen wurde, ist für die Kommunisten nicht mehr existent. Sie wollen den Hauch von Anerkennung durch Passierscheinvereinbarungen nicht wahrhaben, den manche Bonner Politiker ihnen so unermüdlich einzureden suchten. Ulbricht ist der Meinung, zur Anerkennung bedürfe es eines Willensaktes diesseits der Mauer. Und ihn fordert er nun als Preis für neue Passierscheine.

Dieses Geschäft wird gewiß nicht zustande kommen – aber ebenso gewiß wird es auf der bisherigen Basis keine Verhandlungen mehr geben. Alle möglichen Variationen innerhalb der Regeln, die sich die Partner vor drei Jahren setzten, sind durchgespielt. Für Kompromisse ist kein Raum mehr. Die erste Phase dessen, was mit einem großen Wort „Politik der kleinen Schritte“ getauft worden war, ist zu Ende. Sie hat einige Male auf einige Wochen rationierte menschliche Erleichterungen in Berlin gebracht. In der Rückschau aber erscheinen die Anstrengungen von 36 Monaten, zwischen Deutschland (Ost) und Deutschland (West) zu einem Minimum an Verständigung zu gelangen, wie eine politische Groteske.

„Politik der offenen Wunde“

Grotesk ist schon das, was einziges Objekt solcher Bemühungen blieb: Die Ermöglichung von Verwandtenbesuchen innerhalb einer Stadt. Seit dem Bau der Mauer, die jeden zweiten Berliner von nahen Verwandten trennte, suchte man in Ost und West nach dieser Möglichkeit. Sie zu finden schien freilich lange unmöglich. Denn dort, wo beide Seiten von Humanität sprachen, meinten sie den politischen Vorteil. Drüben war die Anerkennungsneurose Alibi für Unmenschlichkeit – hüben kleidete man Inhumanität in formaljuristische Dogmen.

Schon vor Weihnachten 1961 nutzte die SED den von ihr geschaffenen Zustand. Sie richtete auf Westberliner S-Bahnhöfen, die der DDR-Reichsbahn unterstehen, zwei „Reisebüros“ zur Ausgabe von Passierscheinen ein. Der Senat argwöhnte, Ulbricht wolle damit Hoheitsbefugnisse in Westberlin ausüben, und ließ die Büros sofort schließen. Bürgermeister Brandt forderte im Gegenzug, das Rote Kreuz einzuschalten. Doch Ulbricht merkte, daß man seine Souveränitätsansprüche unterlaufen wollte, und lehnte ab.