Paul Hindemith: „Mathis der Maler“ und „Sinfonische Metamorphosen“; Philadelphia Orchester, Leitung: Eugene Ormandy; CBS 72 474, 25,– DM

Wenn man dir alles nahm und dich darob vergaß: Der Baum weiß nicht um seine Frucht. Und wenn sie dich gleich erschlugen: Das Schöpfertum mit seinem Leibe zahlen, ist das schwer? Geh hin und bilde. 1932 schrieb Paul Hindemith diese Sätze in das selbstverfaßte Libretto zu „Mathis der Maler“ – einer Oper über Stellung und Auftrag des Künstlers in einer ihm fremden Welt. Zwei Jahre später mußte Hindemith die Worte auf sich selbst beziehen: Eine dreisätzige Sinfonie aus Teilen der fast fertigen Oper wurde von Wilhelm Furtwängler im Oktober 1934 in Berlin vorab uraufgeführt. In der Presse dessentwegen angegriffen, veröffentlichte Furtwängler einen Artikel in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“, worin er Hindemith verteidigte: „Sicher ist, daß für die Geltung deutscher Musik in der Welt keiner der jungen Generation, mehr getan hat als Paul Hindemith.“ Goebbels versuchte, den Dirigenten zurückzupfeifen: Für die nationalsozialistische Kulturpolitik galt Hindemith als Kulturbolschewist, sein Werk als entartete Kunst, es war jüdisch-intellektualistisch infiziert. Furtwängler legte noch im Dezember seine Ämter nieder, Hindemith floh kurz darauf über die Türkei in die USA. Seine dreisätzige Sinfonie „Mathis der Maler“ wurde so etwas wie ein Bekenntniswerk der emigrierten Musiker. Eugene Ormandy, gebürtiger Ungar, heute Chef des Orchesters von Philadelphia, in besonderem Maße für Hindemith engagiert, hat mit der vorliegenden Platte eine seiner hinreißendsten Aufnahmen geliefert. Er präpariert die stupenden Fähigkeiten Hindemiths in der polyphonen Satztechnik und Instrumentation heraus, ein musikalischer Anatomiekurs sozusagen, vorgeführt aber mit Verve und Elan, so daß das Lehrhafte immer hinter dem Musikantischen zurücktritt. Zu empfehlen allen, die ihren Horror vor dem ehemaligen Bürgerschreck Hindemith endgültig begraben möchten. H. J. H.