Ansehen und Erfolg der neuen Bundesregierung hängen wesentlich davon ab, ob es ihr gelingt, die Gruppeninteressen mit dem allgemeinen Wohl in Einklang zu bringen. Die Bewährungsprobe steht bevor. Einige Interessenten haben sich schon zu Wort gemeldet, in Briefen von Verbandspräsidenten an Bundeskanzler Kiesinger. Der Wunsch der Verbände nach einer Aussprache ist durchaus legitim. Dennoch erscheint, es angebracht, Kiesinger just in diesem Augenblick an ein Wort seines Vorgängers zu erinnern, der einmal bekannte, er sei von den Interessengruppen regelrecht erpreßt worden. Es wird erheblicher Standfestigkeit des Regierungschefs bedürfen, die Sonderwünsche an dem übergeordneten Gesamtinteresse auszurichten.

Bauernverbandspräsident Rehwinkels Wunsch nach klärender Aussprache mit Kiesinger wird in den landwirtschaftlichen Organen mit kaum verhüllten Drohungen untermalt. Es wäre fatal, so heißt es da, wenn des Kanzlers Abkehr vom Gießkannenprinzip bei den Subventionen oder seine Kritik an Repräsentanten von Gruppeninteressen in den Bundestagsausschüssen etwa gegen die Landwirtschaft gerichtet sein sollten. Mit seinen herabsetzenden Bemerkungen habe Kiesinger hoffentlich nicht die Milchprämie oder die Mitgliedschaft von Struve und Bauknecht (Präsidenten von zwei Landesbauernverbänden) im Agrarausschuß des Bundestages gemeint.

Will sich Kiesinger gegenüber allen Sonderwünschen durchsetzen, darf er gerade zu Beginn seiner Regierungstätigkeit keiner Gruppe Zugeständnisse machen. Gibt er auch nur einer Gruppe nach, so ist er nach aller Erfahrung verloren. ks.