Karl Marx, der Herausgeber der „Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung“, der in der vorigen Woche starb, hat die ehrenden Worte des Dankes und Gedenkens, die überall laut wurden, wie kaum ein anderer verdient. Und mit Wehmut sei notiert, wie wir seinen Glückwunsch zum neuen Jahre auf dem Schreibtisch fanden und eine Minute später aus dem Radio hörten, er sei, 69 Jahre alt, in einem Sanatorium unweit von Baden-Baden verschieden.

Ich sehe sein Lächeln vor mir, mit dem er überraschende Dinge begleitete, die er tat und sagte. Oft genug löste dies Betroffenheit aus.

Die Familie der Marx’ war jahrhundertelang im Trierischen zu Hause, und ihre Angehörigen hatten allen Grund, sich dort so angestammt zu fühlen wie irgendein eingewurzelter Hunsrück-Bauer. Soweit Aristokratie bedeutet, zu wissen, woher man stammt, war Marx ein Aristokrat. In der Tat fühlte er sich sogar noch als Deutscher, als er 1933 fliehen mußte – nach England, wo er eine Zeitlang als Fabrikarbeiter sein Brot verdiente. Nachher war er der erste Jude, der nach dem Kriege nach Deutschland heimkehrte.

Den Ersten Weltkrieg hatte er, der 1897 in Saarlouis geboren wurde, als Freiwilliger mitgemacht: zwei Verwundungen, mehrere Auszeichnungen. Er war von der Art der Langemarck-Kämpfer – romantisch, „jugendbewegt“, leidenschaftlich „söldnerisch“.

Daß er 1913 auf dem Hohen Meißner ein Sprecher der deutschen Jugendbewegung gewesen war, vergaß er nie – ein Liberal-Konservativer, wie man im Rückblick auf jene Zeit heute sagt.

Wir haben in den vergangenen Jahren lange Abende zusammen verbracht. Unser gemeinsamer Freund, der Ur-Berliner Levy, war dabei. Gegen dessen Skeptizismus wehrte Marx sich sehr energisch: „Ausgewandert sind wir schon einmal. Ausgewandert wird nicht mehr!“

Karl Marx hat sich eingebildet – „eingebildet“, das ist mein Wort –, daß sich eine haltbare deutsch-israelische Freundschaft wiederherstellen ließe. Er war daher so sehr von deutschen Sorgen erfüllt, daß er vieles vergaß oder vergessen wollte, was problematisch erscheinen mußte. Er war zuletzt für einen Kanzler Kiesinger, das heißt: er urteilte nach persönlich-moralischer Absicht, nicht nach Finessen eines Verhaltens, bei dem das Parteibuch eine absichtsvolle Rolle spielte.