Von Manfred J. Rauch

Wer als junger Deutscher ins Ausland geht, um Abstand zu gewinnen von dem, was man gemeinhin typisch deutsch nennt, der wird bald eine merkwürdige Entdeckung machen: Er stellt überrascht fest, daß er für „typisch Deutsches“ eine unbewußte Bewunderung hegt. Mir ist das zum erstenmal passiert, als ich bei einer jüdischen Familie im Londoner Stadtteil Hampstead eingeladen war – und es war nicht nur der Braten und die deutsche Sorgfalt der Hausfrau mit der Sauce und dem Nachtisch, die mich an alte Adventskalender erinnerten. Ich wurde besonders wegen der Sprache an Deutschland erinnert, eine Sprache, die hier wie etwas ganz Kostbares gleichsam mit dem blütenweißen Tischtuch hervorgeholt wurde. Die Kinder dieser Familie sprachen schon Englisch, und sie ermahnten die Eltern gelegentlich, mehr Sorgfalt auf ihr „th“ zu verwenden. Aber die Eltern sind nur in der deutschen Sprache wirklich zu Hause.

Die Frage „Deutschland, aber wo liegt es?“ hatte man ohne Zögern beantworten können. Hier war Deutschland ebenso wie etwa auch in einer Schneiderstube in Paris, wo wir einen vermeintlichen Franzosen plötzlich deutsche Lieder über seiner Nähmaschine singen hörten, revolutionäre Kampflieder, mit Heineschem Endreim, die die deutschen Frauen zur Emanzipation, den deutschen Arbeiter zur Selbstbefreiung aufriefen. Der Schneider hätte die Lieder vor über dreißig Jahren in einem Berliner Gefängnis gedichtet und sie seinen mitgefangenen Genossen beigebracht. Seitdem hat sie, außer seiner Tochter die auf der Schule Deutsch lernt, niemand mehr gehört, der die Worte verständen hätte.

Das unbekannte Deutschland zu suchen, ist seitdem so etwas wie mein Hobby geworden, oder auch ein Nachhilfeunterricht für versäumte Stunden in deutscher Geschichte. So stand ich eines Tages am Ufer der Marne westlich von Paris. Auf der anderen Seite lag eine Insel, wie sie die Impressionisten gern gemalt haben; die Sonne flimmerte durch die Bäume, ein Kahn trieb träge auf dem Wasser. Auf einem Zettel, den mir ein deutscher Gewerkschafter mitgegeben hatte, stand der Name Ernst Friedrich, und als Adresse „Insel des Friedens“ (Ile de la Paix). Neben diesen Angaben hatte ich noch drei Zeitungsausschnitte dabei, in denen der Name Ernst Friedrich vorkam.

Die Zeitungsausschnitte waren nicht aus „Le Monde“, auch nicht aus der „Welt“, sie waren alt und vergilbt. Der erste war der „Weltbühne“ entnommen. Kurt Tucholsky stellt darin seinen Lesern zwei Bücher gegen den Krieg vor, die er die beste Dokumentation über den Krieg nennt. Die Bücher heißen „Krieg dem Kriege“, und Tucholsky schreibt voller Bewunderung über den, der sie mitten in der Inflationszeit unter großer Selbstaufopferung zusammengestellt und zugleich vertrieben hatte: Ernst Friedrich. Der Zeitungsausschnitt trägt kein Datum, aber er ist wohl aus dem Jahre 1926. Der zweite Zeitungsausschnitt stammt aus dem „Völkischen Beobachter“, Jahrgang 1934. Hier ist die Rede vom „Landesverräter“ Ernst Friedrich, der mit einem „Anti-Kriegs-Museum“ in der Berliner Parochialstraße 29 seit zehn Jahren bereits versuche, „die Seele und die Gesinnung des rechtschaffenen deutschen Arbeiters mit jüdisch-marxistischen Ideologien planmäßig zu vergiften“. Ein Bild zeigt ein sauberes Häuschen, mit der Inschrift „Kriegs-Museum“ (das Anti ist weggemeißelt), auf dem Dach weht die Hakenkreuzfahne.

Der „Völkische Beobachter“ meldete auch, woraus das Gift wider die deutsche Arbeiterseele bestand: „Zu dieser Zeit lagen auf den Fensterbrettern Stahlhelme deutscher Soldaten, zu Blumentöpfen herabgewürdigt.“ (Jetzt habe ich sie auf der „Insel des Friedens“ wiedergesehen, es sind deutsche und französische Helme, auf denen „Nie wieder“ und „Plus jamais“ steht). „Zu dieser Zeit hing über der Tür ein mittendurch zerbrochenes Gewehr als ein Zeichen der Feigheit und des Willens, unserem Volke auch die geringsten Mittel zu nehmen, sich gegen jedwede Überfremdung seiner Art und gegen jeden Raub seiner völkischen Güter zu verteidigen“, verkündete der Journalist im Auftrage Goebbels. Und weiter: daß nun bald nichts mehr vom Tun des Herrn Friedrich künden werde.

In dem dritten Ausschnitt wird dann auch die bange Frage gestellt: „Wo ist Ernst Friedrich?“ Es ist ein Aufruf aus der deutschen Emigrantenzeitung „Freie Presse“. Die Redakteure wissen nur, daß Friedrich zusammen mit Ossietzky in Oranienburg eingesperrt war. Nun befürchten sie, daß man ihn „auf der Flucht erschossen“ oder ihn zum „Selbstmord“ verholfen habe. Das war im Jahre 1935.