Wenn am 27. Dezember die Welt um Carl Zuckmayer herum sich und ihm zur Feier seines 70. Geburtstags in festliche Auflösung (so diagnostizierte Thomas Mann die Lage an seinem eigenen 80. Geburtstag) versetzen wird, dann wird (von den festlichen Tropfen und wohlerdachten Speisenfolgen nicht zu reden) manches bewegte und bewegende Wort den Tag zieren. Es wird, aus gutem Grunde, vom geleisteten Werk und bestandenen Leben die Rede sein. Die wahre Pointe dieses Tages jedoch, über die sich mancher (und, da wir ihn ein wenig zu kennen glauben, vielleicht auch Zuckmayer selber) am meisten freut, ist doch wohl das: Gefeiert wird hier gewiß der, wie sein Freund Theodor Heuss sagte, „erfolgreichste und damit wohl auch wirkungskräftigste Dramatiker deutscher Sprache in dieser Gegenwart“; geehrt wird natürlich der, der den Kleistpreis, den Goethepreis, verschiedene Ehrendoktorate und das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik ohnehin schon in der Lade hat (den mit 500 Flaschen dotierten Weinkulturpreis von 1955 vergessen die Summierer seiner Ehren); aber gefeiert werden könnte hier, nebenbei, auch der Bestsellerautor des Jahres 1966. Denn das strahlendste Geschenk hat Zuckmayer sich selber gemacht, hat das Publikum ihm gemacht, das so spontan auf seine in diesem Herbst erschienene Biographie „Als wär’s ein Stück von mir“ reagierte. Zuckmayer kann an seinem 70. Geburtstag darauf anstoßen – und aus trockener Ferne tun wir es mit ihm –, daß er, wieder einmal, „angekommen“ ist – ein Kriterium, das Literaturkritiker manchmal mißverstehen.

Der Geburtstag von Carl Zuckmayer, dem im rheinhessischen Nackenheim Geborenen, wird gefeiert im eidgenössischen Luzern, was unter anderem auch damit zusammenhängt, daß der rührige Stadtpräsident von Luzern den Musen im allgemeinen und dem Hause Zuckmayer im besonderen über das Stadtpräsidentenmaß hinaus zugetan ist. Die geographische Distanz und die Ländergrenze zwischen Luzern und Zuckmayers Geburtsort und anderen Städten, mit denen er besonders verbunden war (Mainz, Kiel, München und Berlin zum Beispiel), jetzt mit Vergangenem zu pointieren, wäre kaum in Zuckmayers Sinn: Den Freuden dieser Welt ist er zwar durchaus nicht abhold, aber wahrscheinlich hätte er diesen Tag ebensogern in seinem Walliser Haus verbracht.

Denjenigen aber, denen schon überhaupt nichts mehr daran auffällt, daß ein Mann wie Zuckmayer seinen 70. Geburtstag in Luzern feiert, die, im Gegenteil, mit der Parole „Schwamm drüber“ von Bayreuth bis Papenburg ihr nationales Selbstbewußtsein in einem Schnellkurs wieder auf Vordermann bringen, ihnen sei immerhin in Erinnerung gebracht, daß Versöhnung von denen, die wirklich dazu legitimiert sind, früh praktiziert wurde. Von Carl Zuckmayer zum Beispiel: 1937 mußte er das Land verlassen, 1946 war er der erste, der wieder da war, der vor Schülern redete, mit Studenten diskutierte, der bei Freunden und Fremden half und nebenbei noch das Manuskript eines Dramas mitbrachte, das nicht nur ihm den Platz in der Literaturgeschichte sicherte, sondern auch einen Neuanfang für Deutschlands Bühnen bedeutete: „Des Teufels General“. Was Zuckmayer schreibt und geschrieben hat, ist alles, im Goetheschen Sinne, Konfession, aber Harras, dieser Zuckmayerschste aller Zuckmayerschen Helden, spricht das Credo so knapp, so selbstverständlich aus wie kein anderer: „Die Welt ist wunderbar, wir Menschen tun sehr viel, um sie zu versauen, und wir haben einen gewissen Erfolg. Aber wir kommen nicht auf gegen das ursprüngliche Konzept.“

Wir wünschen uns, gerade heute, da der Mensch gegen beinahe alles aufkommt, daß Carl Zuckmayer, der das ursprüngliche Konzept kennt und diejenigen, die es so gern versauen möchten, noch oft „ankommen“ möge mit seiner Lektion, mit dem, was er als die Aufgabe des Menschen einmal so formulierte: „... die Vox Humana, die Menschenstimme zu erwählen und zu erlernen.“ D Z