Von Tadeusz Nowakowski

Mein Winter-Disneyland liegt in Deutschland und heißt Reit im Winkl. Right or wrong – my Reit. Es grenzt ein wenig an Eingebildetheit und Anmaßung, wenn sich ein polnischer Zaungast, nicht einmal ein „Zug’roaster“, für einen Reit-im-Winkler honoris causa hält, nur weil er dorthin mit dem Lied „Zwoa Brettl’n, a g’führiger Schnee“ auf den Lippen fast jeden Winter fährt, nur weil er dieses Schneeloch ins Herz geschlossen hat. Ein Ur-Bajuware hat’s leichter: Er hat sich seit Generationen an die Schönheit seiner Heimat gewöhnen können. Ich hingegen – hab’s eilig, ich erlebe sie und lobe sie mit dem Eifer eines Neubekehrten. Und so erzähle ich meinen Gastgebern, ich hätte schon immer eine Ahnung gehabt, ein Winkel wie dieser da müsse wirklich irgendwo existieren.

Sauber und lieblich erstreckt sich das Dorf, nein: leider kein Dorf mehr, sondern ein Städtchen, im verschneiten Tal. Zum Glück immer noch kein Treffpunkt der Snobs à la Val d’Isère oder Chamonix, kein mondänes „Weißes Paradies“ mit Titelblattschönheiten (unerreichbar für unsere Träume. Wo die Möglichkeiten beschränkt sind, stellt sich Moral ein), mit Arrivierten, mit turbulentem Après-Ski-Betrieb und sonstigem Kokolores. Im Gegenteil: Auf den zivilisationsmüden Wanderer wartet Gemütlichkeit und festliche Stimmung.

Wenn ich durch das verschneite Reit meinen kleinen Weihnachtsbummel mache, hab’ ich das Gefühl als ginge ich über eine Bühne zwischen schnell zurechtgeschobenen Kulissen, die eine Berglandschaft darstellen sollen, zwischen Menschen, die man soeben als Bergbewohner geschminkt hat. Ein Bilderbuch für die Kinder ist Wirklichkeit geworden. Durch den Wald und über die Wiesen strudeln Gebirgsbäche. Von oben sieht das Städtchen wie eine Torte aus. Der weiße Kirchturm in der Mitte strahlt wie die Geburtstagskerze. Vor dem Gemeindehaus grüßt uns die lange Bank, umgeben von blauem Rauch. Alte bärtige Männer sitzen da, den Hut in die Augen gedrückt, und paffen behaglich ihre langen Pfeifen mit Porzellanköpfen ...

Sind sie denn echt, diese Oberbayern in Volkstracht? Im Zeitalter des allgemeinen Zweifels ist man längst nicht mißtrauisch genug. Vielleicht hat sich das Fremdenverkehrsamt eine zusätzliche Attraktion für die Touristen ausgedacht und einige photogene Berliner Ruheständler als Ludwig-Thoma-Typen verkleidet? Nein, man braucht sie nicht an ihren Barten zu zupfen, sie sind weder aus Watte noch angeklebt. Daß die Herren doch zu den waschechten Eingeborenen gehören, merkt man an ihren verliebten Blicken, mit denen sie ein Wahlplakat an der Wand betrachten: Ihr „Franzi“ – Franz Josef Strauß ist darauf. Auch eine ältere Bäuerin im Nylonpelz, wie ich sehe, betet das Bild mit feuchten Augen an. Zweifellos – ein religiöses Erlebnis, solche rührende Begegnung mit der wahren Größe.

Bayern – ein Wintermärchen, könnte man sagen, aber wir möchten uns keineswegs in die inneren Angelegenheiten eines gastlichen Staates einmischen, denn gerade der Freistaat Bayern kommt uns wirklich polenfreundlich vor. Im Gasthof „Zur Post“ – oder war es beim „Unterwirt“? – nach der dritten Maß „Salvator“ (Bier: Weltanschauung in flüssiger Form) sagte mir ein sympathischer, wahrscheinlich durch ein Fernsehkolleg aufgeklärter Holzhauer: „Was diese Saupreiß’n euch Polen im Jahre 1772 angetan haben...“ Nach der vierten Maß haben wir – um einige wichtige Probleme zu meistern – eine Achse „Warschau –Reit im Winkl“ gegründet, die allerdings nur 24 Stunden gedauert hat. Dann, am nächsten Morgen, hat mich mein Wirt um eine Illusion ärmer gemacht: „Lassen Sie sich ja nicht mit dem alten Sepp ein“, warnte er mich freundlich, „er ist kein echter Bayer. Seine Familie kommt von drüben...“

„Von drüben“, fragte ich erstaunt, „aus der DDR?“ – „Nein, aus Kössel.“ In der Tat, ich bin auf einen „falschen Sepp“ reingefallen: Rossel liegt schon auf der österreichischen Seite.