Wieder ist die Bundesrepublik der Zukunft nicht näher gekommen, auch 1966 war ein verlorenes Jahr. Wir haben unsere Zeit damit hingebracht, über schleichende Inflation und Finanzmisere, über die ungelöste Ruhrkrise und die drohende Stagnation zu diskutieren – wichtige Probleme, mit denen wir uns leider noch lange werden beschäftigen müssen. Aber über diesen aktuellen Sorgen dürfen wir nicht vergessen, daß auch in den glücklicheren Jahren von 1960 bis 1964 – als die Produktion noch auf vollen Touren lief und die Firmen mit Werbekolonnen durchs Land zogen, um nur ein paar versprengte Arbeiter anzulocken – schon ein wachsendes Unbehagen über die wirtschaftliche Zukunft unseres Landes zu spüren war.

Wenn man will, läßt sich die Ursache für dieses Unbehagen auf eine einfache Formel bringen: unsere Wirtschaft ist vergangenheits- und nicht zukunftsorientiert. Seit wir im Jahre 1958 England überrundet haben, kann die Bundesrepublik sich stolz als zweitgrößten Industriestaat der westlichen Welt bezeichnen. Nun, im Maschinenbau und beim Stahl, im Turbinenbau wie in der Autoproduktion liegen wir ganz vorn – aber wie ist es in der Elektronik, bei Datenverarbeitungsanlagen, in der Atomtechnik (von der Raumfahrtindustrie ganz zu schweigen)? Von den „Zukunftsbranchen“ hat eigentlich nur die Chemie Anschluß an die Spitzenleistung in der Welt gefunden. Auf die Dauer muß ein solches Mißverhältnis zwischen den Industrien von gestern und morgen das weitere Wachstum, unserer Wirtschaft – und damit den Wohlstand unseres Landes bedrohen.

Wie oft haben Wirtschaftler und Politiker die Forderung erhoben, wir müssen die Forschungsausgaben erhöhen, um uns im wissenschaftlich-technischen Konkurrenzkampf behaupten zu können – und was war das Ergebnis? In der internationalen Statistik sind wir in dieser Beziehung nach wie vor Schlußlicht unter den großen Industrienationen. Natürlich wäre es nicht gerecht, darauf hinzuweisen, daß die USA in diesem Jahr 23 Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung aufgewendet haben, die Bundesrepublik dagegen weniger als 2 Milliarden Dollar – die USA sind nun einmal ein größeres und reicheres Land. Aber das kann keine Entschuldigung dafür sein, daß in den USA die Forschungsausgaben 3,3 Prozent des Sozialproduktes, bei uns nur 1,6 Prozent erreichen – weniger als in Frankreich, England, Holland, der Schweiz oder Schweden.

Wir haben allzu lange in dem nationalökonomischen Rezept, das uns einen von aller Welt bestaunten Aufstieg beschert hat, eine Garantie für immerwährende Prosperität gesehen. Eine gesicherte Zukunft aber wird nicht länger wie in den fünfziger Jahren einfach aus dem freien Spiel der Kräfte hervorgehen, sie muß politisch bewußt vorbereitet werden. Es ist doch beschämend, daß ein ausländisches Institut – die Baseler Prognos AG – in diesem Jahr als erstes eine detaillierte Untersuchung über „Deutschland im Jahre 1980“ vorgelegt hat.

So töricht es wäre, auf den Wettbewerb zu verzichten, der uns so sichtbare Erfolge gebracht hat (er muß im Gegenteil verschärft werden, um die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft zu erhöhen), so unverantwortlich ist es auch, weiterhin nur die Probleme von heute mehr schlecht als recht zu bewältigen und auf die Planung für das Deutschland von morgen zu verzichten. Diether Stolze