Sonntag, 11. Dezember, 20.20 Uhr, 1. Programm:

„ELEKTRA“

Tragödie von Sophokles

Nein, besser als Maria Wimmer kann man die sophokleische Klytaimestra nicht spielen: Unvergeßlich, wie sie – während Büttner als Pädagoge die Lügenrede genüßlich ausspann, behäbig und breit, im Stil einer wohlproportionierten Schauerballade – wie sie mit den Mundwinkeln zuckte und die Gesichtsmuskeln spannte, mach doch schneller, was tut das zur Sache, wie sie lauschte, nicht mehr an sich halten konnte und doch durchhielt, um am Ende die Botschaft mit schrillem Gelächter zur Kenntnis zu nehmen, wie sie, die Amulett-Trägerin, mit den Ohrringen wippte, die Hände an die Wangenknochen preßte, ich höre nichts, sag, was du willst, Elektra, ich bin taub ... so unvergeßlich wie ihr Todesschrei, dessen Spiegel die Gesichter der Choreutinnen waren, so eindrucksvoll wie das Mienenspiel Aigisths in der Sekunde, da das Laken aufgedeckt wird und der Augenschatten des Betrachters verrät, wen er da vor sich auf der Bahre sieht. (Keine Bühne vermag das zu zeigen; wenn Muskeln und Mienen, zart und indirekt, das Schreckliche, den Sturz des Baumeisters Solness oder die Enthüllung der Leiche Klytaimestras, abbilden müssen, schlägt die Stunde der Fernsehdramaturgie.)

Eine große Schauspielerin, umgeben von einem vortrefflichen Team, gelenkt durch eine konsequente Regie – hätte man noch eine bessere Übersetzung gewählt und nicht einige sinnlose Striche gemacht: makellos wäre diese „Elektra“ gewesen. Was aber soll man dazu sagen, daß die Titelheldin – die, am Rande vermerkt, wieder einmal nicht genug verwahrlost, nicht jämmerlich genug aussah – ausgerechnet die erste große Beschreibung ihrer Mutter, die Basis der kommenden Szene, nicht vorführen durfte und daß Orest sich nicht in der Anagnorisis zu legitimieren brauchte? (So leichtfertig ist Elektra bei keinem der drei großen Tragiker!)

Und dann die Übersetzung, eine Kammer von Elisionen, von pyth’schen Seherherden, günst’ gen Augenblicken, ew’ger Todesangst, wen’gen Überresten(!) und freud’ger Nachricht, ein Arsenal, gefüllt mit Geibelschen Inversionen, Füllversen und Anachronismen (ein Heiland ist die Zeit ja), mit Plattheiten (wahrscheinlich geht ja dieses Wagnis übel aus) und befremdlichen Satzfügungen (daß du dich vorzugehn getraust auf mein Geheiß)! Nein, ein Spaß war das nicht, diesem Übersetzungs-Deutsch lauschen zu müssen; die Schauspieler taten mir leid, selten haben bessere Akteure in einem so ergreifenden Stück derartig holprige Sätze gesprochen. Es klang, als ob Bassermann und die Duse Verse einer Abitur-Zeitschrift läsen: Wenn ich das ins Werk nun setze, stehet mir durch euer Schweigen bei.

Elektra auf teutonischem Kothurn: eine Aulafeierstunde mit Musik und zitatreichen Reden.

Momos