F. R., Essen

Stolze 100 Millionen Mark kostete die neue, 12,3 Kilometer lange B 288 zwischen Düsseldorf und Essen. Sie verbindet die „Gruga“ in zwanzig Minuten mit der „Kö“. Bei der festlichen Einweihung – die letzte Amtshandlung des Bundesverkehrsministers außer Diensten Seebohm – wurden die Schönheit der Linienführung und die kühnen Brückenbauten dieser Strecke gepriesen. Unerwähnt blieb ein Kuriosum, das auf deutschen Bundesstraßen seinesgleichen sucht.

Wenn die Kraftfahrer von Essen aus die B 288 befahren, müssen sie bereits nach 1200 Metern wieder auf die Bremsen treten und sich um ein seltsames Verkehrshindernis herumschlängeln. Mitten auf der neuen Schnellstraße steht nämlich schlicht und einfach ein Haus: eine Gaststätte, getauft auf den Namen „Engelsruh“. Während die Autofahrer kopfschüttelnd mit nur einem Meter Abstand die einsame Gaststätte passieren, schenkt Gastwirt Engels in aller Seelenruhe hier sein Bier aus. Pensionäre des Essener Vororts Bredeney, Bauarbeiter und Kegelklubs sind seine bevorzugten Kunden.

Früher stand die „Engelsruh“ an einer belebten Kreuzung mit einer Autobus-Umsteigestation. Der Umsatz florierte, jetzt entstand im Zuge des rheinisch-westfälischen Schnellstraßensystems ein kreuzungsfreier Übergang. Der Hauseingang Nummer 46 der alten Haeselerstraße ist mit einem zwei Meter hohen Drahtzaun verbarrikadiert. Kegelbrüder und Biertrinker gelangen erst über eine 400 Meter entfernte Hilfszufahrt an die Schankhähne. Gastwirt Engels schaut betrübt auf seinen gegenwärtigen Umsatz: „Ich kann nicht sagen, daß der gestiegen ist!“

Die Geschichte der B 288 und ihres Schmuckstückes „Engelsruh“ dokumentiert die Umständlichkeit deutscher Behörden. Sie ist freilich auch ein eindrucksvolles Beweisstück für die verschlungenen juristischen Pfade, die unser Rechtsstaat dem Kundigen offenläßt.

Im September 1962 hatte Gastwirt Engels zum erstenmal davon Wind bekommen, daß sein Grundstück bei der Neuplanung der B 288 in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Er wandte sich an die Stadt Essen und bat um ein Ersatzgrundstück. Zwei Jahre dauerte es, bis die Stadt Essen reagierte. Sie bot dem Gastwirt aber an Stelle eines Grundstückes nur eine unzureichende finanzielle Abfindung an und verwies ihn schließlich an das Landesstraßenbauamt. Auch hier wollte man zunächst von einem Ersatzgrundstück nichts wissen. Doch dann fand sich zur großen Überraschung aller Beteiligten in den Akten des Landesstraßenbauamts ein Stückchen Land in der Nähe der alten „Engelsruh“ und – welch ein Spiel des Zufalls – in unmittelbarer Nachbarschaft eines bereits Engels gehörenden Grundstücks, Beide zusammen reichten für eine neue „Engelsruh“ samt Kegelbahn aus. Doch damit war der Streit noch lange nicht aus der Welt. Engels wollte von der Zufahrt zur neuen Schnellstraße eine Abzweigung zu seinem Gasthof, damit die Essener Arbeiter, die nach Hause fahren, wie bisher „noch mal schnell einen heben können“, und er möchte die neue „Engelsruh“ mindestens wieder genauso hoch bauen wie die alte. Eine solche „Privatzufahrt“ verbietet aber das Bundesfernstraßengesetz, wenn eine „drohende Verkehrsgefährdung“ vorliegt, und die Errichtung von Hochbauten ist nach dem gleichen Gesetz in einer 40-Meter-Zone vom Fahrbahnrand nicht gestattet. Der Streit zog sich weiter hin.

Inzwischen verwandelte sich die Landschaft vor der „Engelsruh“ in einen Sturzacker, dann rollten die Straßenbaumaschinen an. „Dat wird hier noch ’ne Festung“, amüsierten sich die Kegelbrüder. Während der Streit um die Zufahrt und die Baugenehmigung zwischen dem Anwalt des Gastwirts und den verschiedenen Behörden hin und her ging, zog das Landesstraßenbauamt die Notbremse. Anfang November entschied die Landesbaubehörde Ruhr, daß das Landesstraßenbauamt der „Engelsruh“ mit dem Bagger zu Leibe rücken dürfe. Aber Engels legte flugs Widerspruch ein und überstand so unerschüttert den Eröffnungstag.

Nach vierjährigem Streit bahnt sich nun endlich eine Lösung an, bei der man sich freilich fragen muß, warum sie nicht schon 1962 gefunden werden konnte. Engels bekommt das Ersatzgrundstück, er verzichtet auf eine Sonderzufahrt und zieht seinen Widerspruch gegen die Abbruchverfügung zurück. Dafür bekommt er eine Ausnahmegenehmigung für den Neubau der „Engelsruh“, eine Entschädigung für eine Ersatzwohnung und den Verdienstausfall. Ehe die alte „Engelsruh“ der Spitzhacke zum Opfer fällt, wird eine Baracke den Büfettbetrieb aufnehmen, Kegelbahn und Toilette bleiben einstweilen erhalten. „Damit mir nicht die ganzen Kegelklubs von der Fahne gehen.“