Einer der größten politischen Skandale dieses Jahrhunderts wurde in Großbritannien wieder, ans Licht der öffentlichkeit gezerrt. Die „Sunday Times“ berichtete, der berühmte Brief Sinowjews, der 1924 den Sturz der ersten Labour-Regierung Ramsay MacDonalds mit herbeiführte, sei eine Fälschung gewesen.

Wenige Tage vor der Unterhaus-Wahl hatte damals das Foreign Office ohne Wissen des Premiers einen Brief veröffentlicht, der angeblich von Gregorij Sinowjew, dem Chef der III. Kommunistischen Internationale, an die britischen Kommunisten geschrieben worden war. Darin wurden die Kommunisten angewiesen, das britische Heer und die Royal Navy zu revolutionieren.

Die Konservative Partei beutete dieses Schriftstück als Wahlschlager aus. MacDonald erlitt eine schwere Niederlage. Obwohl Moskau die Echtheit des Briefes bestritt, wurde ein von der Labour-Regierung mit Moskau abgeschlossener Handelsvertrag außer Kraft gesetzt.

Jetzt sagte die Witwe eines weißrussischen Emigranten aus, der Brief sei von russischen Emigranten in Berlin fabriziert worden. Wie die „Sunday Times“ weiter ermittelte, hat die Konservative Partei seinerzeit rund 55 000 Mark für den Brief bezahlt, von dessen Echtheit sie damals anscheinend noch überzeugt war.

Erst eine Woche zuvor war bekannt geworden, daß aus dem Archiv des Foreign Office einige Schriftstücke zu diesem Skandal spurlos verschwunden sind.