Würzburg

Wenn die Studentinnen und Studenten der Pädagogischen Hochschule Würzburg zu Weihnachten nach Hause fahren, müssen sie gewärtig sein, daß man daheim mit Fingern auf sie zeigt. Sie sind nämlich zu 90 Prozent „Hochschulmuffel“. Da sie meistenteils aus Städten und Dörfern im Frankenland stammen, war es für die fränkische Heimatpresse ein nachgerade gefundenes Fressen, kurz vor Weihnachten lang und breit zu melden, der AStA der Würzburger PH sei in den Streik getreten, weil die Studenten kein Interesse an ihrer Studentenvertretung zeigten.

Studentisches Desinteresse für Selbstverwaltungsaufgaben – das ist ein altes Problem. Vom kleinsten Allgemeinen Studentenausschuß bis hinauf zum (Dach-) „Verband Deutscher Studentenschaften“ in Bonn sehen sich die jungakademischen Funktionäre in der Zwangslage, auf der schmalen Basis dünner Wahlergebnisse Studentenpolitik zu betreiben, wie es ihnen aufgetragen ist. Wie tüchtig auch immer ein Sozialreferent sein mag, wie phantasievoll ein Kulturreferent, wie gerissen ein Finanzreferent und wie modern ein Referent für gesamtdeutsche Fragen – wo sie sich an die Öffentlichkeit wenden, fordernd, bittend, dozierend: Man hält ihnen vor, nur von einer Minderheit gewählt zu sein. Auftrag und Mandat stehen im Zwielicht. Die Studenten akzeptieren zwar Freifahrtscheine und billiges Essen, die Arbeit aber lassen sie gern von denen erledigen, die „dumm genug sind, kostbare Zeit ihres Studiums für derlei Firlefanz zu opfern“.

An der PH Würzburg (die organisatorisch zur Universität gehört, aber über eine selbständige Studentenvertretung verfügt) sind 726 Lehramtsbeflissene eingetragen. Beim letztenmal war es nur etwas mehr als die Hälfte von ihnen, die die zehn Vertreter wählte, die – für ein Jahr – Legislative und Exekutive zugleich sind: Die Abgeordneten teilen unter sich Vorstands- und Referentenposten auf, die ohne eigenen Etat und ohne Aufwandsentschädigung versuchen, den schmalen Lehrplan – es gibt keine Doppellehrstühle, also je Fach nur eine Lehrmeinung – durch Gastvorträge und Fachexkursionen anzureichern. Doch Würzburgs Studenten zeigten wenig Neigung, vom vorgezeichneten Studienbild abzuweichen. Veranstaltungen, die die Studentenvertretung ausschrieb, blieben ohne Besucher. Den Idealisten im Amte platzte der Kragen. Als gar Anfang Dezember zu einer akademischen Feier anläßlich der Übergabe der Hochschuldirektion von Professor Pongratz an Professor Hengstenberg nur knapp 70 Studenten erschienen, riefen die so im Stich Gelassenen den Streik aus. Einstimmig beschlossen die zehn Studentenvertreter, bis zu den Weihnachtsferien ruhe der Geschäftsbetrieb. Die Studenten bekommen keine Freifahrtscheine für Würzburgs Verkehrsmittel, sie müssen bis zum neuen Jahr auf Studienbescheinigungen warten, und mancher Vater wird – so hofft man – zornig auf die ausstehenden Zertifikate seines studierenden Sprößlings warten, die er für die Steuererklärung dringend benötigt. Die Würzburger Studentenvertreter hoffen, unter dem Christbaum werde ein weihnachtlich-heiliges Donnerwetter die PH-Studenten belehren, sich künftig aufgeschlossener zu zeigen für Belange ihrer Selbstverwaltung.

Hinter dem Desinteresse ihrer Schützlinge vermuten Würzburgs PH-Vertreter indessen auch noch andere, konkret faßbare Gründe. An der Hochschule konkurrieren nämlich nicht politische Verbände, sondern zwei Fachgruppen: der liberale „Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband“, der sich für eine fortschrittliche Schulpolitik einsetzt, und die „Katholische Erziehergemeinschaft“, die über ein eigenes Zentrum, das „Ferdinandeum“, verfügt. Dort existieren zahlreiche Vortrags-, Spiel- und Arbeitskreise, deren Frequentierung für Wohnheiminsassen des „Ferdinandeums“ obligatorisch ist. Auf diese Weise wird folglich der Aktivität der gewählten Studentenvertreter gleichsam schon im Vorfeld das Wasser abgegraben.

Die Studentenvertretung in Bayern, der Landesverband des VDS, beurteilt die Streikmaßnahmen der Würzburger eher skeptisch. Im Bemühen, den AStA’s endlich den Status einer Anstalt des öffentlichen Rechts zu geben, sieht man sich durch trotzige Streikmaßnahmen schon deshalb behelligt, weil die Würzburger Streikenden ihre Aktion nicht mit einer gründlichen Aufklärungsaktion verbanden, die den Kommilitonen die Arbeit der Studentenvertreter näherbrachte.

Auf eine ganz neue Erklärung für das Desinteresse der PH-Studenten indessen verfiel ein Würzburger Taxifahrer: „Schaun’s, des sind doch über 70 Prozent Weiber an der PH. Was erwarten’s denn dann?“ Thilo von Uslar

Einern Teil unserer heutigen Auflage liegt der Prospekt: „Es ist Weihnachtszeit“ der Steyler Mission, 5205 St. Augustia über Siegburg, bei. Wir bitten, ihn zu beachten.