Von Jürgen Frenzel

Dr. jur. Jürgen Frenzel, der Hamburger Polizeipräsident, beendet hiermit seinen in der vergangenen Ausgabe der ZEIT begonnenen Bericht über Probleme der Verbrechensbekämpfung in Amerika. Er machte seine Beobachtungen während einer Studienreise auf Einladung des Department of State.

Vom „bot desk“ aus, vom „heißen Tisch“, wie * die Beamten ihre Einsatzplätze im Communication Center des Chikagoer Polizeipräsidiums nennen, erlebte ich ein eindrucksvolles Beispiel polizeilicher Arbeit mit modernsten Mitteln: die Jagd auf gestohlene Kraftfahrzeuge mit Hilfe elektronischer Datenverarbeitung. Im Communication Center laufen die Meldungen der Funkstreifenwagen ein; am Tage sind im Stadtgebiet etwa dreihundert, nachts rund tausend unterwegs. Entdeckt ein Patrolman auf seiner Streifenfahrt einen ihm verdächtig vorkommenden Wagen, spielt sich folgendes ab:

Der Patrolman ruft den für ihn zuständigen Funksprecher im Communication Center und gibt ihm Autonummer, Fabrikat, Typ, Farbe sowie Anzahl der Türen des verdächtigen Wagens an. Der Funksprecher tippt diese Angaben in die neben ihm stehende Eingabemaschine des Computers. Das Blatt der Eingabemaschine, die wie ein Fernschreiber gebaut ist, rollt sich dann weiter auf. Inzwischen wurde der elektronische Datenspeicher, der mit den Angaben über alle verschwundenen Wagen „gefüttert“ ist, blitzschnell „abgetastet“. Auf dem Blatt der Eingabemaschine schreibt der Computer jetzt automatisch, die Antwort.

Der Computer wiederholt zunächst die Anfrage und macht dann Angaben über Fahrgestellnummer, Baujahr und weitere Fahrzeugdaten sowie über Name, Anschrift und Telephonnummer des Fahrzeughalters und Aktennummer der Verlustanzeige. Der Funksprecher meldet diese Angabe zurück an den Patrolman. Hat dessen Verdacht sich bestätigt, greift er ein. Ich habe selbst festgestellt, daß vom Eingang der Anfrage am „bot desk“ bis zu ihrer Beantwortung sogar in Betriebsspitzenzeiten lediglich dreißig Sekunden vergehen.

Die Datenverarbeitungsanlage hilft übrigens nach, wenn der Patrolman die Autonummer fehlerhaft abgelesen oder übermittelt hat. Zum Beispiel: In der Anlage ist die Nummer AX 4711 eines als gestohlen gemeldeten Chevrolets gespeichert; der Polizist im Streifenwagen aber hat nach einem Chevrolet AY 4711 gefragt und sich dabei womöglich geirrt. Prompt antwortet der Computer: „Try Chevrolet AX 4711.“ Die Programmierer haben die Erfahrung berücksichtigt, daß Ablesefehler wie etwa zwischen X und Y verhältnismäßig leicht möglich sind.

Voraussetzung für die Schnelligkeit, mit der hier Autodiebstähle aufgeklärt werden, ist unter anderem die unverzügliche Anzeige durch den Bestohlenen; er hat sie über die Polizeirufnummer „PO 5 1313“ oder bei einer Streifenwagenbesatzung aufzugeben. Jährlich werden auf dem Magnetband des Computers die Daten von 30 000 gestohlenen Kraftfahrzeugen gespeichert. Alle zwei Stunden werden aufgeklärte Fälle gelöscht und neue „nachgefüllt“. Der Erfolg, den Chikagos Polizei mit der elektronischen Datenverarbeitungsanlage erzielt, ist imponierend: 95 Prozent aller gestohlenen Wagen konnten im Laufe eines Jahres den Eigentümern zurückgegeben werden. Die Grenzen dieses „bot desk“-Systems liegen vor allem darin, daß es nur die in Chikago selbst entwendeten Wagen erfaßt. Woanders gestohlene Wagen, die in Chikago herumfahren, sind vor dem „bot desk“ ziemlich sicher.