Bremen

Kann sein, es wird in der Hafenstadt Bremen plötzlich Seuchen- oder Katastrophenalarm gegeben werden; kann sein, dies geschieht in einer Nacht, in der die Amtsärztin Marianne Schürer Bereitschaftsdienst hat: dann fällt ein Glied in der Kette wohldurchdachter Schutzmaßnahmen aus. Frau Schürer hat zwar Telephon in ihrer Wohnung, aber sie darf nicht telephonieren. Ihr Ehemann, Ludwig Schürer, seit 1958 Leiter des Jugenderziehungsheims Ellener Hof, hat am 22. Oktober „namens und im Auftrag des Vereins Ellener Hof“ seine fristlose Kündigung erhalten. Seither leben Schürers mit drei Kindern auf dem Heimgelände wie im Exil. Die Mitarbeiter des Hofes und 130 Fürsorgezöglinge erhielten Anweisung, den Kontakt mit der Heimleiterfamilie zu meiden.

Mit schlechtem Gewissen und nur, weil jeder Heimplatz dringend gebraucht wurde, schickten die Landesjugendämter nach dem Kriege schwererziehbare Jungen in das längst veraltete Bremer Erziehungsheim, das vor hundert Jahren von Johann Heinrich Wichern gegründet worden war. 1958 holte der verantwortliche freie Verein „Ellener Hof“ er besteht aus dreizehn Mitgliedern Ludwig Schürer an die Weser. Es wurde an- und umgebaut – es entstanden Gruppenhäuser, ein Lehrlingsheim, Erzieherwohnungen, Werkstätten, wirtschaftliche Gebäude.

Der 52jährige Ludwig Schürer prägte die Anstalt mit pädagogischem Elan. Wer bewundernd den Ellener Hof als eine vorbildliche Erziehungsstätte pries – der Allgemeine Fürsorgeerziehungstag, die Einweisungsbehörden des Bundes und zahlreiche Besucher aus allen Ländern nannten zugleich den Namen Ludwig Schürer.

Im Juni dieses Jahres, fünf Monate vor dem Tag, an dem der Heimleiter fristlos in die Wüste geschickt wurde, bescheinigte der langjährige Vereinsvorsitzende Dr. Warneken dies: „Unter Schürers Leitung hat der Ellener Hof als Erziehungsheim einen ausgezeichneten Ruf im ganzen Bundesgebiet erworben. Schürer hat es verstanden, ein Erzieherteam zu schaffen, das in harmonischer Weise zusammenarbeitet und den größtmöglichen Erfolg an Erziehungsarbeit gewährleistet.“

Aus Altersgründen trat Warneken von seinem Amt zurück. Seine Nachfolge übernahm ein prominenter Jurist, der Bremer Landgerichtspräsident Dr. Burhorn. Zusammen mit einem Bankier und einem Versicherungskaufmann bildet er seither innerhalb des Vereins den geschäftsführenden Vorstand. Die Vereinssatzung wurde neu konzipiert, bis jetzt aber vom Innensenator noch nicht genehmigt.

Alsbald prallten Burhorns und Schürers Ansichten über Pädagogik, Wirtschaft und Kompetenzen aufeinander. Schürer: „Dr. Burhorns dilettantische Anweisungen und Gegenanweisungen drohten den Ellener Hof zugrunde zu richten.“ Burhorn: „Schürer widersetzte sich unseren Anordnungen und beleidigte den Vorstand.“ Man redete und schrieb sich völlig auseinander.