Feuilleton

Lies und versteh

Zur letzten Weihnacht hat ■ es eineNeuerung gegeben: Einige Zeitungen, der obligaten Fest Aufschwunge müde, bi achten höchst kritische Essays namhafter Theologen übei das I egendarische der Weihnachtsgeschichte.

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DIE ZEIT

Weihnacht - eine Revolution

Alle Menschen, die eine Ahnung haben, was Weihnacht eigentlich bedeutet, werden mit der Feststellung einverstanden sein, daß die Art und Weise, in der das große Fest von der überwiegenden Mehrheit der Menschen in unserem Teil der Welt gefeiert wird, nichts mit der ursprünglichen Geschichte zu tun hat.

Kennwort Entspannung

Ein angenehmeres außenpolitisches Entreé im Kreise ihrer Verbündeten hat sich die Bundesregierung nicht wünschen können. Beifällig und erleichtert stellt der Westen fest, daß die Bundesrepublik die letzten und vielfach noch im Denken der fünfziger Jahre wurzelnden Vorbehalte gegen die Entspannung nach Osten endgültig abgestreift hat.

Ein Deutscher namens Marx

Karl Marx, der Herausgeber der „Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung“, der in der vorigen Woche starb, hat die ehrenden Worte des Dankes und Gedenkens, die überall laut wurden, wie kaum ein anderer verdient.

Klischee - Vorstellungen

In vielen deutschen Zeitungen wurde dieser Tage voller Stolz ein Satz des Pariser Korrespondenten der New York Times zitiert: „Zum erstenmal in den siebzehn Jahren nach Gründung der NATO haben die Deutschen und nicht die Amerikaner die führende Rolle auf einem Ministerratstreffen der Allianz gespielt.

Der Verteidiger der Mark

Vom Klassenfeind bis zum Märchenprinzen reichen die Attribute, mit denen Karl Blessing, der Präsident der Deutschen Bundesbank, in den letzten Monaten belegt worden ist.

ZEITSPIEGEL

„Wenn ich auch nur ein sogenannter Mitläufer gewesen wäre, wenn ich nicht wirklich Widerstand geleistet hätte und Kopf und Kragen riskiert hätte, dann hätte ich das Amt nicht übernommen.

An der Saale grauem Strande ...

Der Strich fällt jedem ins Auge. Er ist wie mit dem Lineal gezogen: schnurgerade und ohne Kleckse. Es ist ein Strich aus weißer Farbe, zwanzig Zentimeter breit, etwa 15 Meter lang.

Die Mauer bleibt zu

Das Berliner Weihnachtswunder fand 1966 nicht statt: Zum erstenmal seit drei Jahren dürfen geteilte Familien in der halbierten Stadt das Fest nicht gemeinsam feiern.

Bonns neue Fronten

Rainer Barzel begann mit warmem Timbre die Glück- und Segenswünsche für den neuen Kanzler und die neue Regierung zu intonieren.

Bürgermeister des Äußeren

Des neuen Bundesaußenministers Rückkehr aus Paris war begleitet vom einhelligen Applaus der Diplomaten und Korrespondenten. Ein Nachhall drang noch in den Plenarsaal des Bundeshauses, als er in der Debatte über die Regierungserklärung für die außenpolitische Konzeption der großen Koalitionsregierung den Kopf hinhielt.

Herkulesarbeit für Strauß

Man kann eher einem Löwen ein Stück Fleisch aus dem Rachen reißen, als einer starken Interessentengruppe eine Subvention wegnehmen.

Sorgen der Liberalen

Die FDP ist besorgt über ihre selbstverschuldete Isolierung und will sich jetzt ein strafferes, rascher aktionsfähiges Führungsgremium schaffen.

Wolfgang Ebert:: Krisen-Opfer

Das Problem, wie wir unserer Regierung – angesichts unserer prekären Wirtschaftslage – helfen können, wird schon bei den Weihnachtsgeschenken akut.

Richtlinien aus Godesberg

Siebenhundert Funktionäre der SPD – von der Bonner Spitze bis hinunter zu den Unterbezirksverbänden versammelten sich am Wochenende in Godesberg zu einem „kleinen Parteitag“.

Sikh-Streik

Die Regierung der indischen Ministerpräsidentin Indira Ghandi wird in dieser Woche einer neuen Belastungsprobe ausgesetzt. Im Goldenen Tempel von Amritsar, der heiligen Stadt der Sikhs, begann der 56 Jahre alte Sikh-Führer Sant Fateh Singh mit einem zehntägigen Hungerstreik, um gegen die nach seiner Ansicht ungerechte Grenzziehung bei der Teilung des Pandschabs in Nordwestindien zu protestieren.

Von Zeit zu Zeit

Im Schlußkommuniqué der letzten Pariser NATO-Tagung wurde der Zusammenhang zwischen Entspannungspoli- tik und Deutschland-Frage herausgestellt.

Maos Stahl in US-Rollbahnen

Während die chinesische Propaganda nicht müde wird, die amerikanischen „Aggressoren“ zu verdammen, während die Vereinigten Staaten dem „Aggressor“ China noch immer den Zutritt zur UN verwehren, hat Mao auf verschwiegenen Wegen großzügige Geschäfte mit den USA getätigt – auf Kosten der Vietcongs.

Vor der Waffenruhe: Bomben auf Hanoi

Zehn Tage vor Beginn der weihnachtlichen Waffenruhe in Vietnam fielen während eines amerikanischen Luftangriffs Bomben und Raketen auf Wohnviertel der nordvietnamesischen Hauptstadt Hanoi.

Kennedy-Buch erregt USA

John F. Kennedy läßt die Amerikaner nicht zur Ruhe kommen. Das ganze Jahr über waren die im Warren-Bericht getroffenen Feststellungen über den Hergang der Mordtat von Dallas Gegenstand kritischer Zweifel und unermüdlich geschürter Polemiken – jetzt, am Jahresende, ist eine Art Rechenschaftsbericht über die vier Tage zwischen dem Mord und der Beisetzung des Präsidenten in den Mittelpunkt eines vor aller Augen ausgefochtenen Streites geraten.

Gefälschter Brief aus Berlin

Einer der größten politischen Skandale dieses Jahrhunderts wurde in Großbritannien wieder, ans Licht der öffentlichkeit gezerrt.

Namen der Woche

Leonid Breschnew, Generalsekretär der sowjetischen Kommunistischen Partei, wurde zu seinem 60. Geburtstag zum „Held der Sowjetunion“ ernannt.

Bonner „New Look“ im Auslandsspiegel

„New York Times“: „Kurt Georg Kiesinger hat sich auf Neuland begeben ... Jeder neue Kanzler Westdeutschlands mußte gewiß zu dieser Zeit die deutschen Interessen stärker betonen, das Verhältnis zu Frankreich zu verbessern suchen, neue Initiativen gegenüber Osteuropa ergreifen und einen einigermaßen unabhängigen Kurs gegenüber Washington einschlagen.

NATO-Flanke bei Hawaii

Die westliche Flanke der NATO verläuft heutzutage etwas östlich von Hawaii. Mitdieser Feststellung überraschte der amerikanische Außenminister Dean Rusk seine Kollegen aus den vierzehn Partnerstaaten des Atlantikpaktes, die sich zum letzten Male zu einer Ratstagung in Paris versammelt hatten.

Ein Deutscher, wie er nicht im Buche steht

Wer als junger Deutscher ins Ausland geht, um Abstand zu gewinnen von dem, was man gemeinhin typisch deutsch nennt, der wird bald eine merkwürdige Entdeckung machen: Er stellt überrascht fest, daß er für „typisch Deutsches“ eine unbewußte Bewunderung hegt.

Klinik auf dem Müll

Für das Krankenhaus kam jede Hilfe zu spät. Als die Presse – von empörten Hafenarbeitern informiert – am Tatort eintraf, zermalmte der Müllbagger gerade die letzten Röntgengeräte, Operationsbestecke und Zahnarztstühle – alles Bestandteile einer neuen, in Kisten verpackten Feldlazarettausrüstung.

Wenn die Frau nein sagt

An diesem Donnerstag, dem 22. Dezember 1966 sind es genau 30 Jahre her, daß in Berlin ein ad hoc gebildetes Rabbinatskollegium zusammentrat, um nach den Ritualvorschriften der jüdischen Religion eine Ehe zu scheiden.

Festung auf B 288

Stolze 100 Millionen Mark kostete die neue, 12,3 Kilometer lange B 288 zwischen Düsseldorf und Essen. Sie verbindet die „Gruga“ in zwanzig Minuten mit der „Kö“.

Hochschulmuffel

Wenn die Studentinnen und Studenten der Pädagogischen Hochschule Würzburg zu Weihnachten nach Hause fahren, müssen sie gewärtig sein, daß man daheim mit Fingern auf sie zeigt.

Ich reagiere impulsiv

Kann sein, es wird in der Hafenstadt Bremen plötzlich Seuchen- oder Katastrophenalarm gegeben werden; kann sein, dies geschieht in einer Nacht, in der die Amtsärztin Marianne Schürer Bereitschaftsdienst hat: dann fällt ein Glied in der Kette wohldurchdachter Schutzmaßnahmen aus.

Lieb, aber zu teuer

Dreizehn Millionen Mark in diesem Jahr und irgendwann einmal ein neues Gebäude fürs Polizeipräsidium kostet sie das Recht, polizeiliche Aufgaben in ihrer Stadt nicht von der Landespolizei, sondern von einer eigenen Stuttgarter Polizei wahrnehmen zu lassen.

Halbzeit in der Bundesliga

Halbzeit in der Bundesliga. Die Überraschungsmannschaft „Eintracht“ Braunschweig wurde durch das bessere Torverhältnis „Herbstmeister“ vor dem Hamburger Sportverein, der im Westen nicht siegen kann.

Münchner Olympia 1972: Vorsicht mit den Musen

In Rom hatte das erfolgreiche Duo Daume/Vogel den Mitgliedern des Internationalen Olympischen Komitees mit dem Slogan von der „Olympia der kurzen Wege“, das man in der blau-weißen Metropole durchzuführen gedenke, imponiert.

Auf Kennedy gezielt

Peter Lotar ist deutschen Theaterbesuchern in Erinnerung geblieben durch ein Stück über die Widerstandsbewegung gegen Hitler.

Am Anfang war Mickey Mouse

Szene: Der genußmäulige Löwe sitzt auf dem Dach und angelt durch den Rauchfang dem Enterich Donald Duck die Speisefische vom Tisch.

Muttergottes mit der Gießkanne

Bohuslaw Martinu wurde am 8. Dezember 1890 als Sohn eines Glöckners in Policka in Ostböhmen geboren, studierte am Prager Konservatorium Orgel und Violine, wurde Orchestergeiger, später Kantor, lernte zu komponieren, ging 1923 nach Paris, floh 1941 in die USA, wurde Lehrer in Princeton, kam 1946 als Professor nach Prag zurück und starb 1959.

Fernsehen:: Elektra auf teutonischem Kothurn

Nein, besser als Maria Wimmer kann man die sophokleische Klytaimestra nicht spielen: Unvergeßlich, wie sie – während Büttner als Pädagoge die Lügenrede genüßlich ausspann, behäbig und breit, im Stil einer wohlproportionierten Schauerballade – wie sie mit den Mundwinkeln zuckte und die Gesichtsmuskeln spannte, mach doch schneller, was tut das zur Sache, wie sie lauschte, nicht mehr an sich halten konnte und doch durchhielt, um am Ende die Botschaft mit schrillem Gelächter zur Kenntnis zu nehmen, wie sie, die Amulett-Trägerin, mit den Ohrringen wippte, die Hände an die Wangenknochen preßte, ich höre nichts, sag, was du willst, Elektra, ich bin taub .

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Wenn man dir alles nahm und dich darob vergaß: Der Baum weiß nicht um seine Frucht. Und wenn sie dich gleich erschlugen: Das Schöpfertum mit seinem Leibe zahlen, ist das schwer? Geh hin und bilde.

Frankfurt feiert Elsheimer

Mit dieser Strophe huldigte Ludwig Tieck dem Maler der Nachtstücke und nahm damit den enthusiastischen Ton auf, den Goethe 1776 in seiner Schrift „Nach Falkonet und über Falkonet“ angeschlagen hatte.

Kunstkalender

• "Traum und Wirklichkeit" (Köln, Galerie Gmurzynska): Namen wie Hans Bellmer, Paul Delvaux und Friedrich Schröder-Sonnenstern deuten an, in welcher Richtung sich die Träume der ausgestellten Traumkünstler mit Vorliebe bewegen.

ZEITMOSAIK

Ein höchst seltsames Münchener Gerichtsurteil brachte dem Redakteur Siegfried Dinser einen Monat Gefängnis (mit Bewährung) ein.

Boleslaw Barlog: Zuckmayers Theater

Wir haben das selber erlebt im Berliner Schiller-Theater, als wir vor zwei Jahren eine Neuinszenierung des „Hauptmann von Köpenick“ auf die Bühne brachten.

Ein Gruß zum Siebzigsten

Wenn am 27. Dezember die Welt um Carl Zuckmayer herum sich und ihm zur Feier seines 70. Geburtstags in festliche Auflösung (so diagnostizierte Thomas Mann die Lage an seinem eigenen 80.

FILMTIPS

„Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ (Who’s Afraid Of Virginia Woolf?). Der Bühnenregisseur Mike Nichols hat Edward Albees böses Ehe-Drama für die Kinoleinwand kaum gemildert: In einem düsteren Schwarz-Weiß-Film agiert Hollywoods Glamour-Paar Elizabeth Taylor und Richard Burton nicht für die Kasse, sondern um schauspielerische Ehren, und bietet dabei eine überdurchschnittliche Leistung.

Bibel und Braten

Es gibt glücklicherweise keine Regel, wie man Weihnachten zu feiern habe. Auch keine, ob und was man zu singen habe. Das Kapitel Weihnachtslieder ist in den meisten deutschen Familien ohnehin ziemlich heikel.

ZU EMPFEHLEN

ES ENTHÄLT die Ausgabe Von Müller und Schindler die Märchen „Die schlafende Schöne im Walde“, „Das Rotkäppchen „Der Blaubart“, „Meister Kater oder der gestiefelte Kater“, „Die Feen“, „Aschenputtel oder der kleine gläserne Pantoffel“, „Riquet mit dem Schopf“, „Der kleine Däumling“, „Eselshaut“ samt einem Nachwort; die Broschek-Ausgabe den Neudruck der deutschen Erstausgabe von 1867, das heißt, dieselben neun Märchen (wenn auch mit gelegentlich abweichend formulierten Titeln) samt einer zeitgenössischen „Vorrede“.

Die Entrümpelung hat begonnen

Ernst Fischer ist nicht der Aristoteles der Neuen Linken (wie Kenneth Tynan meint), aber vielleicht ihr Erich Heller........

Schreibende Diplomaten

Festschriften sind oft triste Sammelsurien, Abladeplätze von Unzusammengehörigem. Dieses Werk macht eine rühmliche Ausnahme.

Um Deutschlands Schicksal

Bevor wir die „Öffnung nach Osten“ diskutieren, ist es notwendig, eine kurze Notiz zur Person des Autors zu machen: Paul Sethe ist in der politisch nicht angenehmen Lage, mit seiner Meinung recht behalten zu haben.

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