John F. Kennedy läßt die Amerikaner nicht zur Ruhe kommen. Das ganze Jahr über waren die im Warren-Bericht getroffenen Feststellungen über den Hergang der Mordtat von Dallas Gegenstand kritischer Zweifel und unermüdlich geschürter Polemiken – jetzt, am Jahresende, ist eine Art Rechenschaftsbericht über die vier Tage zwischen dem Mord und der Beisetzung des Präsidenten in den Mittelpunkt eines vor aller Augen ausgefochtenen Streites geraten. Es geht um das von William Manchester verfaßte Buch „Der Tod eines Präsidenten“, eine ursprünglich von Jacqueline Kennedy und ihrem Schwager Robert angeregte und gutgeheißene Publikation.

Zwei Jahre vor dem ursprünglich ins Auge gefaßten Publikationstermin soll das Buch als Serie in den meistgelesenen amerikanischen Illustrierten „Look“ – Auflage rund 7,5 Millionen – veröffentlicht werden. Der Abdruck beginnt am 10. Januar. Nachdruckrechte sind außerdem für rund 300 000 Dollar an mehrere europäische Zeitschriften verkauft worden; in Deutschland hat sich der „Stern“ die Rechte gesichert. Jacqueline und Robert Kennedy haben jedoch in einer Klage beim Obersten Gericht des Staates New York beantragt, die Veröffentlichung in ihrer jetzigen Form zu verhindern.

Die Kläger machen geltend, sie hätten dem Autor die als Voraussetzung für die Publikation vereinbarte Genehmigung noch nicht erteilt. Außerdem zeugten einige Stellen in seinem Buch von schlechtem Geschmack oder stellten eine unzulässige Preisgabe von persönlichen Empfindungen der früheren First Lady dar. Damit sind einige Passagen in dem Buch gemeint, für die Manchester aus einem zehnstündigen Tonband-Interview mit Jacqueline schöpfte. Sie soll dabei ziemlich herabsetzende Werturteile von Mitarbeitern Kennedys über den damaligen Vizepräsidenten Lyndon Johnson wiedergegeben und das Verhalten des Texaners unmittelbar nach seiner Vereidigung im Flugzeug herbe kritisiert haben.

Die Veröffentlichung in der unzensierten Form würde vermutlich – nur so läßt sich der plötzliche Eifer der Kennedys erklären – den ganzen alten Groll zwischen dem Kennedy-Klan und Johnson wieder hervorbrechen lassen. Das jedoch könnte der politischen Karriere Robert Kennedys abträglich sein, der für 1972 die Präsidentschaftskandidatur anstrebt, aber wenig Chancen hätte, wenn er heute bereits in eine direkte Konfrontation mit Johnson geriete.

Die Kabale um den Tod eines Präsidenten hat insofern einen grotesken Zug, als der Schriftsteller William Manchester sozusagen der Hausautor der Kennedys ist. Er hatte eine offiziöse Biographie John F. Kennedys verfaßt; nur ihm und keinem anderen wurde die Genehmigung gegeben, die Quellen und Unterlagen der Familie für seine Darstellung über die vier Tage nach Dallas zu verwenden.

Die Zeitschrift Look hat schon über zwei Millionen Exemplare ihrer für den 10. Januar vorgesehenen Ausgabe gedruckt und würde einen riesigen Verlust erleiden, wenn sie diesen Teil der Auflage wieder zurückziehen müßte. Die Kläger stützen sich auf eine schriftliche Vereinbarung mit Manchester, in der sie sich das Zustimmungsrecht zu dem Buch vorbehielten; Manchester beruft sich auf ein Telegramm Robert Kennedys vom Juli 1966 an ihn, daß dem Erscheinen von der Familie kein Hindernis in den Weg gelegt werde.

Das alles erscheint vor dem tatsächlichen Hintergrund aber mehr als ein Streit um Worte, der sich schließlich außergerichtlich beilegen ließe. Nicht mehr, zu verwischen ist der Eindruck, daß Jacqueline Kennedy dem Autor gegenüber einmal ihren Empfindungen freien Lauf ließ und das ausplauderte, was sie und ihre Umgebung, vielleicht sogar der ermordete Präsident, herablassend und geringschätzig über Lyndon Johnson dachten oder im vertrauten Kreis sagten. Unter diesem Vorzeichen lautet die Kernfrage, was denn nun historische Wahrheit sein soll: die ungekürzte, unveränderte Darstellung William Manchesters oder ein mit dem Griffel der Kennedys neu redigierter Text.