Bonn schwenkt jetzt auf die Linie der Alliierten ein

Von Kurt Becker

Paris, im Dezember

Ein angenehmeres außenpolitisches Entreé im Kreise ihrer Verbündeten hat sich die Bundesregierung nicht wünschen können. Beifällig und erleichtert stellt der Westen fest, daß die Bundesrepublik die letzten und vielfach noch im Denken der fünfziger Jahre wurzelnden Vorbehalte gegen die Entspannung nach Osten endgültig abgestreift hat.

Wo nun auch Bonn das Ruder kräftig herumgerissen hat, repräsentiert das atlantische Bündnis wenigstens in der Politik der Entspannung ein Bild ungewohnter Harmonie. Und eigentlich überall ist man geneigt, hierin vor allem das Verdienst der neuen Bundesregierung zu sehen. Amerikaner, Engländer und Franzosen zeigen sich verschwenderisch in Zustimmung und wohlwollender Erwartung. Die deutsche Genugtuung darüber ist berechtigt. Aber der Hauch von Euphorie, der Bonn durchweht, wird wohl bald wieder verfliegen, wenn der Entschluß, Entspannungspolitik zu treiben, einer praktischen Bewährung unterworfen wird.

Vorerst nur Anpassung

Vorerst ist ja noch nicht viel mehr geschehen, als daß Bundesaußenminister Willy Brandt in großen Zügen die Gesetzestafeln verlas, die lange zuvor von Amerikanern, Engländern und Franzosen geschrieben worden waren. Vorerst besteht die deutsche Entspannungspolitik noch zu einem erheblichen Teil darin, sich erst einmal innerhalb des westlichen Bündnisses gleichermaßen an de Gaulles europäische Auflockerungspolitik und an die amerikanische Strategie der Détente anzupassen. Und gerade Washington kann sein Konzept ohne die politische Einheit der Allianz nicht vorwärts treiben.