In vielen deutschen Zeitungen wurde dieser Tage voller Stolz ein Satz des Pariser Korrespondenten der New York Times zitiert: „Zum erstenmal in den siebzehn Jahren nach Gründung der NATO haben die Deutschen und nicht die Amerikaner die führende Rolle auf einem Ministerratstreffen der Allianz gespielt.“ Offenbar ist es dem neuen Außenminister wirklich gelungen, sowohl seine vierzehn Kollegen im NATO-Rat – einschließlich Couve de Murville – wie auch die Vertreter der WEU und vielleicht sogar General de Gaulle davon zu überzeugen, daß in Bonn eine Zäsur stattgefunden hat, daß die Grundeinstellung sich verändert hat, daß die neue Phase auf Entspannung ausgerichtet sein wird. Endlich kann man sich vorstellen, daß die Bundesrepublik aus der selbstfabrizierten Isolation wieder herausfindet.

Jahrelang glaubte die Mehrzahl der Bürger – und ganz gewiß das Establishment der Bundesrepublik –, die Sozialisten würden, wenn sie je „dran“ kämen, die Wirtschaft ruinieren und auf außenpolitischem Parkett eine schlechte Figur machen. In Adenauers und Erhards Kurzfassung hieß dies, den Untergang Deutschlands herbeiführen. Welche Ironie, daß es nun ausgerechnet die Sozialisten sind; die drinnen dem Volk und draußen den Bündnispartnern erstmalig wieder Vertrauen einflößen!

Oft sind die Vorstellungen der Menschen – in diesem Fall die Furcht vor den „vaterlandslosen Gesellen“ – weit stärker und prägender als die Realitäten. So hat denn auch die Vorstellung, daß derjenige beim Wähler am beliebtesten sei, der ihm die meisten Geschenke macht, höchst überflüssigerweise die Abgeordneten aller Parteien dazu veranlaßt, unsere Finanzen zu ruinieren. Auch dieses Klischee war, wie sich jetzt herausstellt, falsch. Die Bürger schätzen die Wahrheit höher als Illusion und sind zu Opfern, die notwendig sind, durchaus bereit. Es hatte nur nie jemand welche von ihnen gefordert. Dff