Zur letzten Weihnacht hat ■ es eineNeuerung gegeben: Einige Zeitungen, der obligaten Fest Aufschwunge müde, bi achten höchst kritische Essays namhafter Theologen übei das I egendarische der Weihnachtsgeschichte.

An eine Bemerkung ei innere ich mich noch besonders gut. Der Weihnachtsiummel, die Festillummierung seien eigentlich nicht erst von unserer Konsumgesellschaft und unseien Werbefachleuten erfunden, sondern vom Evangelisten Lukas oder seinen phantasievollen Gewährsmännern. Schon damals habe es so etwas wie ein PublicityInteresse daran gegeben, die dunkle Gebuit des Menschensohnes mit Stemenglanz zu vergolden und mit hohem Besuch zu nobihtieren. Zum Leben und Steiben des Jesus on Nazareth sei die Geburtslegende hinzuerfunden woiden Diese Theologen sind in ihier Skepsis, in ihiem Vorbehalt gegen das "Weihnachtsmaichen" selbstverständlich besten Glaubens Sie wollen das reine Evangelium, denFiohbotschafts Etrakt, das Bibelkritik. Sie legen die strengen Maßstäbe unserer historischen Quellenforschung an, die für sie identisch ist mit Wissenschaftlichkeit schlechthin, also auch mit Dienst an der reinen Wahrheit. Sie opfern die Legende auf dem hochgeschichteten Holzstoß, unter dem unerbittlichen Diktat Gottes, wie einst Abraham sein liebstes Kind. Ein Wort fiel mir damals in der Zurückweisung der Legende auf: sie sei unwahrscheinlich. Was ist wahrscheinlich? Das Berechenbare, wenigstens Vermutbare. Oder das vielfach Belegte, gegenüber dem nur einmal, in unsicherem Zusammenhang Berichteten. Oder das durch Indizien Nahegelegte, gegenüber dem sondeibaien Zufall, dem nicht voraussehbaren Zusammentteffen zweier Kausalketten. Wahl schemlich — es scheint wahr (brauchts abei nicht zu sein). Meteorologen, Historiker, Juiisten haben lecht, auf das Wahrscheinliche zu pochen. Das Schicksal oder die seits recht, wenn sie diese guten Giunde, zu erlässigen Quellen, tieffliehen Indizien durchkieuzen, außer Kiaft setzen, zuschanden werden lassen "Wahrscheinlich" kann auch heißen, daß die Wahrheit scheint, daß sie augenscheinlich wird, gegen alle Vermutung der Verständigen. Die Epiphanie ist eine solche unwahrscheinliche Erscheinung. Das unterscheidet sie vom Sonnenaufgang, der zwar auf seine Weise auch ein Wunder ist, aber ein wahrscheinliches, zu dessen Vorhersage keine Prophetengabe gehört.

Also. Hirten hielten Nachtwache bei ihren Schafen. Da sind wir noch auf dem Boden der Tatsachen, das wollen wir gelten lassen. Aber vergessen wir nicht: sie sind ein verdächtiger Berufsstand, literarisch, legendarisch vorbelastet. Wer findet denn die wunderbaren Zwillinge Romulus und Remus Wer den Oidipos Wer zieht den Gott Helden Krischna auf? Hirten, immer wieder Hirten. Man stößt fortwährend auf sie, die Verkündung des Heilbringers bei Vergil steht ausgerechnet in den Hirtengedichten. Heil und Hirten gehören irgendwie zusammen, also ist es wahrscheinlich, daß Lukas oder wer auch immer dieses Evangelium geschrieben oder ausgedacht hat, den Heiland in der Höhle von Bethlehem durch Hirten auffinden ließ. Archetypen des Eizahlens, Gußformen, nach denen sich neue Inhalte modelheien — daium schemt es sich zu handeln. Die Aichetypen wurden ubeihefeitj weitei gereicht, wuiden es heute noch, wäre nicht durch Standesamter für exakte Et rassung gesorgt und duich Ruckgang der Viehzucht den Hirten ihr legendennahrendes Handweik gelegt.

diesen treuen Söhnen unseres Zeitalter und gläubigen Anhängern seiner Legenden, nie: daß Gott der Erfinder dieser Erzählungen, der Urheber dieser Archetypen sein könne, daß er bestimmte Vorgangs- und Verfahrens Modelle geschaffen habe, eine "höhere Wahrheit", die sich in allem Sein und Geschehen, in unserer Physiognomie und unserer Mentalität, m unserem Denken und Fühlen und Handeln, unvollkommen widerspiegele. Der denkwürdigste Stiert über die Wahrheit dieser "höheren Wahrheit" ist zwischen Platon und Aristoteles ausgefochten worden. Wie stand es denn eigentlich mit den M>then, zu deutsch Ei Zahlungen, die feierlich, gottesdienstlich auf der Buhne des Dionysos Theaters agieit wurden? Die Frage mußte sich stellei. Platon war hait: die Dichter lugen, ihie Legenden verwirren. Aristoteles korrigierte den bewunderten Vorganger: der Historiker ist dem Dichter, der den Mythos gestaltet, unterlegen, denn der erste berichtet nur das Besondere, das einmal geschehen ist, der andere das Allgemeine, das Typische, das immer geschehen kann. Dieses Allgemeine knüpft sich an ubei lieferte Namen und Geschehnisse, eben die Mythen, weil es damit, mit dem einmal als geschehen Überliefeiten, Ubeizeugungskiaft gewinnt Man muß sich den Anstoteles dem Dichtet Philosophen und Mythen Erfindei Platon gegenüber durchaus als den wissenschaftliche! en Kopt % 01 stellen, als den Skeptiker auch gegenüber den mythischen Erzählungen. Aber er verwuft sie keineswegs, sondein rechtfertigt die vollkommensten unter ihnen wegen ihier typischen Aussagekiaft. Daß sie haben geschehen können, das ist das eine — das, was wir heute mit Wahrscheinlichkeit meinen. Aber dazu tritt der Vorzug der inneren Wahrheit, das, was Aristoteles an ihnen das Philosophische nennt In den Schatten tritt die Frage nach der histoHat die Polizei zu Bethlehem von den Vorfällen Meldung erhalten? Füllten die Magier aus dem Morgenland ihre Hotelzettel aus? Bekamen die unschuldigen Kindlein, die Herodes niedermetzeln ließ, ihren Totenschein? Wahrhaftig mußige Fiagen. Die Leute waren damals leichtsinnig m ihren Erfassungssystemen, sie arbeiteten unseien Historikern nicht in die Hände, die Bürokratie beschrankte sich — andeis als in den sehr viel gewissenhafter arbeitenden alten orientalischen Großreichen an Nil und Tigris — auf die Steuererhebung; und selbst von jenem immeihm beinahe aktenkundigen Eieignis, der Volkszahlung zur Zeit des Kaiseis Augustus, behaupten die kutischen Theologen, dies sei eine Manipulation, um den offenkundig aus Nazareth stammenden Jesus m das vom Psalmisten als heirscherlicher Gebuitsort hochgeruhmte Bethlehem zu verpflanzen.

sein, steht es schlecht mit der Beglaubigung — und damit mit dem Glauben. Ziehen wir uns also auf den Sinn, auf die Swnigkeu der Erzählung zurück? Auf ihren Gehalt an Lieblichkeit und Gioße, an Hirtenidylle und Himmelsmajestat Das Faktische wurde dann zur Oberflachendimension, überwunden von der Gewalt des Mythisch Metaphysischen, der Wesens Offenbalung, wie immer man es nennen mag. So sind die Neuplatomker mit den alten Gottermythen verfahren — bis zu den Ehebruchsgeschichten des Zeus, die sie als tiefsinnig kosmisch enthüllten An die Stelle des Einmalig Historischen wird die beliebige Wiederkehr des Symbols gesetzt. Ehrlich gesagt- Ich glaube an solche spaten Ehrenrettungen der Legende ebenso wenig wie an das Nachweisebediirfms der eingeschworenen Historiker. Zu allen Zeiten sind Mariein erzahlt, Geschichten zusammenfabuliert worden. Wer konnte im Wust der Mythologien da das Echte, Alte, Wahie vom lustig und listig Ausgesponnenen unterscheiden Wo ist der Prüfstein für das Philosophische, von dem Aristoteles spricht An welchem Grenzubergang wird aus glaubiger Deutung verwegene Spekulation? Kurz und gut: Wenn man es ernst nimmt, gilt es zwischen Gnosis und Skepsis, zwischen Aufklarung und Irrationalismus einen Pfad zu finden.

Was bleibt? Halten wir uns zunächst an den gesunden Menschenvei stand, an die Nüchternheit, den Normalverstand des Mannes auf der Straße. Der zuckt die Achseln und sagt: "Ich bin nicht dabeigewesen Das ist eine sehr intelligente Antwort. Sie setzt den Augenschein vor den verlaßlichsten Geschichtsbencht. Der Mann von der Straße ist ein besserer Agnostiker als der immer hm quellenglaubige Histoiiker. Trotzdem finde ich, das Achselzucken mache sich die Sache zu leicht, so leicht, wie es sich der wunderglaubige Legendcnleser macht. Der eine ist leicht glaubig, der andere leicht ungläubig.

Nehmen wir einmal an, jene Offenbarung auf dem Felde, jener offene Himmel über den Hirten habe stattgefunden. Dann waren die Hirten — im Gegensatz zu unserem Mann von der Straße — dabei, und kein Achselzucken anderer, kein Gerede von Halluzinationen oder Baren Aufbmden hatte sie eines Besseren belehrt. Und waren sie dabei, so konnten sie davon erzählen, sie konnten bezeugen (Zeugenschaft ist immer wieder der Wahrheitsbeweis des Evangeliums), und Maria konnte ihre Worte in ihrem Herzen bewahren, und die Junger konnten davon hören, und der Evangelien Erzähler konnte es so erfahren.