Bohuslaw Martinu wurde am 8. Dezember 1890 als Sohn eines Glöckners in Policka in Ostböhmen geboren, studierte am Prager Konservatorium Orgel und Violine, wurde Orchestergeiger, später Kantor, lernte zu komponieren, ging 1923 nach Paris, floh 1941 in die USA, wurde Lehrer in Princeton, kam 1946 als Professor nach Prag zurück und starb 1959.

Martinu schrieb an die zwanzig Opern und Funkopern („Griechische Passion“ nach Kazantzakis wurde bekannt), sechs Sinfonien (die sechste wird gelegentlich aufgeführt), zwanzig Concerti grossi, viel Kammermusik (seinen sechs Streichquartetten begegnet man gelegentlich bei Konzerten tschechischer Ensembles), Filmmusiken, Ballette und Kantaten („Memorial to Lidice“ wurde sein berühmtestes Werk). Zur Zeit des Personenkults wurde er als „kosmopolitischer Formalist“ bezeichnet, Anfang letzten Oktobers veranstaltete die Stadt Brno ein erstes Martinu-Festival.

1933/34 entstand in Paris seine Opernlegende „Die Wunder Unserer Lieben Frau“; mit dem neuen Titel „Marienlegenden“ zeigte man sie jetzt in Wiesbaden.

Er habe, sagt der aus Prag herübergekommene Regisseur Václav Kašlik, der das Stück gern ausgraben und deutsch erstaufführen wollte, er habe als Kind bei den geistlichen Spielen mitgewirkt, die sein Vater zu Weihnachten und Ostern inszenierte. Er habe, sagt Kašlik weiter, später als Komponist den „hohen Wert dieser im Volkstum verwurzelten, ursprünglichen theatralischen Potenz und ihre befruchtende Wirksamkeit erkannt“. Martinus „Marienlegenden“ sind, sagt Kašlik, „modern gefaßtes mittelalterliches Mysterienspiel“.

Drei Teile hat das in böhmischer Folklore und Strawinsky-naher Ostinato-Rhythmik, in hellem Jubel ätherisch hoher Streicher und dumpfem Gedröhn schicksalhafter Posaunen klingende Spiel. Zunächst: „Die Geburt des Herrn“, Maria, als Madonna von Fatima verkleidet, auf Herbergssuche, mit Josef im härenen Gewande, mit Hirten und Drei Königen, die goldbeklebte Papierkronen tragen, mit Schneegeriesel und Gips-Jesulein, mit Gloria und glöckchen-schwingenden Engelein. Dann – „der Fried’ auf Erden ist noch fern“ – : „Marijken von Nimwegen“, die Geschichte vom braven Mädchen, das der Teufel verlockt, mit Gold und Nerz und Fasanenbraten, und verführt, zu Sauferei und Strip-tease und anderem sündigen Tun, das aber bereut und darum vom Teufel erwürgt wird, dessen Seele die Jungfrau Maria dann – „Wie groß auch deine Sünde sei: größer ist die Gnade doch“ – dem Himmel zuführt. Schließlich: „Schwester Paskalina“, die Legende von der Nonne, die unzüchtig vom Ritter träumt, die vom Teufel verführt und vom Ritter entführt wird; der Teufel tötet den Ritter, die Nonnenfrau wird, als angebliche Mörderin, zum Scheiterhaufen verurteilt; während die Rauchschwaden an der Sünderin emporsteigen, erscheint oben auf dem Bühnenrahmen des Theaters auf dem Theater die Muttergottes und löscht aus einer Gießkanne die Flammen; Paskalina geht ins Kloster – wo derweil die Mutter Maria in Paskalinas Gestalt geschlüpft war und die Nonnen daher nichts gemerkt haben – zurück, um dort selig zu sterben.

Er finde, sagt der für Wiesbaden tätige deutsche Bearbeiter Kurt Honolka, daß ein bewußter Antiromantiker, ein Mann, der dem Licht, der Klarheit und Bewußtheit huldigte, hier eine Synthese von Kosmopolitismus und Musikantentum zuwege gebracht habe, das gehöre zu den Geheimnissen schöpferischer Begabung.

Apropos Begabung: Da war eine Sängerin zu hören, Rohangiz Yachmi. Deren Namen sollte man sich merken. Heinz Josef Herbort