Zusammengestellt von Erhard Kortmann

Herr Espelkamp und der Heilige Abend

Das Weiche in einem

Albert Espelkamp, ein Bürger neben uns, hat noch angenehme Pflichten zu erfüllen, ehe er sich der Stille der Heiligen Nacht und seinen Lieben überlassen kann. Weihnachten, Fest der Freude, heißt doch zutiefst: Freude für andere.

Herr Espelkamp hat schon Anfang Dezember eine Liste gemacht. Viele Posten darauf sind abgehakt; das konnte die Sekretärin erledigen. Doch da sind die persönlichen Anliegen: 50 Zigaretten für den Tankwart, nebst Feuerzeug der Firma. Zehn Mark für den Parkwächter („Guten Morgen, Herr Direktor!“ Lieber fünfzehn?). Strümpfe und Pralinen für die Serviererinnen im Stammlokal’ und eine Pulle Schaumwein für den Polizisten auf der Kreuzung, der drohend wegsieht, wenn Herr Espelkamp mit seinem 250 SE bei Gelb über die Kreuzung rollt. Auf dem Weg zum Bahnhof, die Schwiegermutter in Empfang zu nehmen, holt Herr Espelkamp das Kollier für die Gattin vom Juwelier. Der Infrägrill und das Parfüm aus Paris, das er neulich durch den Zoll geschmuggelt hatte („Kostet ja hier ein Vermögen!“), sind in der Bibliothek versteckt. Dann noch die Armbanduhr für Tochter Sabine, der Koffer für das Hausmädchen (hoffentlich entdeckt sie, den Hunderter im Seitenfach auch gleich), die Perserbrücke für die Schwiegermutter (Großhandel).

Frau Margot Espelkamp hat Päckchen in die Zone geschickt. Bitter, daß man nicht einmal einen lieben Gruß einlegen darf. Na, den Brief holt sie gleich zu Neujahr nach; zumal sie im letzten Jahr nicht dazu gekommen war. Und Herr Espelkamp hatte in seiner spontan herzlichen Art dem Pfarrer seiner Gemeinde einen Brief geschrieben („Lassen Sie das Diktatzeichen weg“, sagte er seiner Sekretärin) und nett angefragt, ob er eine Familie wüßte, die Weihnachten leer ausginge.

Für kleine Geschenke, ein Bäumchen, Kohlen und ein Stück Fleisch im Topf – so schrieb der Pfarrer zurück – sei in der Gemeinde dank vieler Spenden und der Tatkraft im stillen wirkender Organisationen gesorgt. Aber er habe da ein paar Familien aus der Zone, denen fehle etwas viel Wichtigeres, nämlich der Kontakt zu den Menschen hier. Ob Herr Espelkamp nicht den Herrn Wegner aus Brandenburg mal zu einem Glas Bier einladen wolle?