Paul Sethe: Öffnung nach Osten; Scheffler Verlag, Frankfurt/Main, 204 Seiten, 12,80 DM

Bevor wir die „Öffnung nach Osten“ diskutieren, ist es notwendig, eine kurze Notiz zur Person des Autors zu machen: Paul Sethe ist in der politisch nicht angenehmen Lage, mit seiner Meinung recht behalten zu haben. Er hat die Möglichkeit der deutschen Außenpolitik richtiger beurteilt als Konrad Adenauer und seine Mannschaft, unbestechlicher als die öffentliche Meinung unseres Landes. Die „Öffnung nach Osten“ ist also die Parole eines durch die Mißerfolge seiner Gegner gerechtfertigten Publizisten.

Aber es ist kein rechthaberisches Buch. Und Paul Sethe hat genug Instinkt für politische Opportunität, um auch angesichts des unglücklichen Ausgangs der Adenauerschen Diplomatie die Rolle der Kassandra, die jetzt so nahe liegt, geflissentlich zu übersehen. „Es hat nicht viel Sinn, über vergossene Milch zu klagen. Was vertan ist, ist vertan.“ Die nach seiner Meinung verbliebenen Möglichkeiten behandelt Sethe mit der Vorsicht eines Mannes, der rohe Eier im Dunkeln und auf holprigem Wege transportiert – ein Buch, das fast ängstlich auf polemische Zusammenstöße verzichtet, geschrieben im Ton eines gedämpften, beinahe überanstrengten Optimismus.

Der spezielle Adressat heißt Gerhard Schröder. Ihm bietet der Autor sein Konzept an – zu spät, wie wir seit der Investitur der Großen Koalition wissen. Aber das mindert die Aktualität der Offerte nicht. Im Gegenteil, die Sozialdemokraten, die jetzt mit Willy Brandt und Herbert Wehner die Verantwortung für die gesamtdeutsche und auswärtige Politik in Händen halten, werden wahrscheinlich aufmerksamere Leser sein als die Führer der CDU.

Charles de Gaulle“, schreibt Paul Sethe, „steht im Mittelpunkt dieses Buches ... Es möchte dazu beitragen, daß wir eine kleine Strecke Weges mit ihm gehen.“ Genau das ist auch die Absicht der neuen Bundesregierung. Haben sich also unsere „Gaullisten“ durchgesetzt? Gewiß nicht. Es ist nicht die Überzeugungskraft de Gaulles, nicht sein diplomatisches Geschick, die in Bonn gesiegt haben. Strauß, Guttenberg und Adenauer haben viel von ihren Hoffnungen auf die Früchte einer deutsch-französischen Freundschaft fallen lassen müssen: die atomare Beteiligung an der Force de Frappe, die gemeinsame und konsequente Abriegelungspolitik gegenüber den Sowjets, die Politisierung des Gemeinsamen Marktes. Das alles ist nicht mehr aktuell

Etwas anderes ist geschehen: der Rückzug der Vereinigten Staaten aus der westeuropäischen Politik. Es gibt viele Argumente gegen diese Feststellung – die wirtschaftlichen Investitionen der Amerikaner, die nach wie vor geltende Garantie der Integrität der Bundesrepublik und der Schutz Westberlins. Aber diese Argumente reichen nicht mehr aus, um die politische Präsenz der USA – vergleichbar zu den fünfziger Jahren – zu begründen.

Als de Gaulle die NATO verließ, glaubte man in Bonn, die Desintegration des Bündnisses durch eine Verdichtung der deutsch-amerikanischen Beziehungen kompensieren zu können. Das ist in vollem Umfang mißlungen. Schon vorher hatten sich diese Beziehungen – und das war nicht nur der Fehler der Bonner Politik – mehr und mehr auf strategische Interessen reduziert. Auch sie sind verdorrt. Noch immer ist die deutsch-amerikanische Freundschaft ein festes Korsett. Aber dieses Korsett umspannt nicht mehr eine Fülle gemeinsamer Interessen. Sie sind erschreckend abgemagert.